Sommerlektüre Teil 2: Irving, Suter, Lindgren

Teil 2 unserer kleinen Reise durch die Neuerscheinungen des Frühsommers 2023 beginnt mit einem echten Wälzer, der wohl auch während eines längeren Urlaubs vorhält. Aber ich mag ja dicke Bücher, die dünnen gehen so schnell vorbei oder?*
John Irving: Der letzte Sessellift (Diogenes)
Vorausschicken möchte ich, dass ich wohl einer der größten lebenden John-Irving- Fans überhaupt bin. Und ich weiß, dass der neue Roman sogar von Dennis Scheck und anderen Kritikern hoch gelobt und mit „Garp“, den „Cider House Rules“ oder „Owen Meany“ verglichen wird, aber mir fehlt ganz ehrlich gesagt einfach die Handlung. Es passiert bis weit über die Hälfte nichts wirklich Spannendes.
Klar, der Großvater wird während der Hochzeitsfeier der Mutter des Ich-Erzählers Adam und der sehr kleinen Englisch-Lehrers und Schneeläufers Elliot Barlow vom Blitz getroffen und spukt danach im Dachboden des Hauses. Elliot zieht später nach New York und lässt sich zur Frau transformieren, denn seine Frau unterhält eigentlich ihr Leben lang eine glückliche Beziehung mit der „Pistenpflegerin“ Mollly, was ihrer beider Liebe zueinander aber auch keinen Abbruch tut. Adam unterhält recht spaßige Beziehungen zu mehr oder minder schwer körperlich oder seelisch beeinträchtigten jungen Damen, die allesamt chaotisch enden, aber ich finde, dass sich das einfach alles sehr sehr zieht.



Nebenbei geht es ums immer wieder ums Skilaufen, den sehr kleinen Vater von Adam, den Schauspieler und Drehbuchautoren Paul Goode, seine lesbische Cousine Nora und Em, die nicht mehr spricht. Und ja, es geht um die queere Szene, ungewöhnliche Familienstrukturen und viel amerikanische Geschichte und Film. Moby Dick wird Adam von seiner Großmutter vorgelesen, Gespenster tauchen auf und verschwinden wieder.
„Doch der Tod ist nur eine Reise in die unversuchte Fremde.“
Hermann Melville
Und was soll ich sagen: ganz zum Schluss, als einige der Hauptfiguren unter mehr oder minder dramatischen Umständen gestorben sind, ist es dann doch wieder da – das Irving-Gefühl. Das nur er herzaubern kann: dass seine Figuren so lebendig geworden sind, dass sie einem fehlen. Die Botschaft ist auch zutiefst menschlich und tolerant: Liebe kennt keine Gender-Grenzen oder Geschlechter. Vor dem Tod muss man sich nicht fürchten. Zurück bleibt eine tiefe Melancholie und die Hoffnung, dass der 81-Jährige noch eine weiteres Buch schreibt.
Martin Suter: Melody (Diogenes)
Diese Erzählung hat mich wie so vieles von Suter ganz von Anfang an gepackt. Er kann einfach Geschichten aufbauen, die einen sofort nicht mehr los lassen. Dazu kommen seine oftmals etwas aus der Zeit gefallenen Gentlemen der alten Schule, gutes Essen und Trinken und wie hier eine spannende Love-Story. Oder ist es eher ein Krimi? Die Leserin, der Leser werden wie der Erzähler, der junge Jurist lange im Unklaren gelassen.
Der junge Jurist Tom Elmer soll den Nachlass des schwer Kranken Nationalrats Dr. Stotz sortieren und regeln. Ein Jahr lang muss er sich verpflichten, auch Kost und Logis werden ihm angeboten. Dabei fallen ihm von Anfang an die zahlreichen Fotos und Gemälde einer jungen dunkelhaarigen Schönheit auf: Melody, die ehemalige Verlobte von Stotz, die ein paar Tage vor der Hochzeit verschwand. Was ist mit ihre passiert? Hat der Kranke vielleicht dunkle Geheimnisse, die durch das Sichten seiner chaotischen Unterlagen ans Licht kommen werden? Lest selbst, es lohnt sich.
Für alle, die gute spannende Literatur zu schätzen wissen.
Eine wie sie fehlt in dieser Zeit. Erinnerungen an Astrid Lindgren (Oetinger)
Wer ohne Pippi Langstrumpf aufgewachsen ist, der tut mir herzlich leid. Ich habe sie als Kind jedenfalls geliebt: angst- und sorgenfrei, stark und gerecht wohnt sie mit ihrem Pferd und einem Äffchen namens Herr Nilsson in der Villa Kunterbunt und freundet sich mit den Nachbarskindern Tommy und Annika an. Erfunden hat sie Astrid Lindgren – wie auch so viele andere unvergessliche Charaktere wie Karlsson vom Dach, Michel von Lönneberga, Madita oder die Kinder von Bullerbü.
Wer war die Frau dahinter? Dieser Frage geht ZEIT-Journalistin Katrin Hörnlein zusammen mit Astrids Tochter Karin nach. Sie fahren ins Sommerhaus der Familie in die Schären, sie unterhält sich mit Pippi-Darstellerin Inger Nilsson oder ihrer langjährigen Assistentin. Anekdoten, Erinnerungen und viele Fotos. Eine sehr gelungene Annäherung an eine vielschichtige Frau, die ihrer Zeit weit voraus war.
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Ich bin auch Irving-Fan und das Buch werde ich auf jeden Fall lesen. Danke für die Tipps.
Liebe Sigi, es zieht sich, aber irgendwie auch schön. Wie eine lange beruhigende Schiffsreise. So kann Lesen ja auch sein. Ich mag seine Bücher einfach so sehr. Herzliche Grüße Ursula