Sommerlektüre 2020-2: Starke Frauen

Helen Wolff: Hintergrund für Liebe, mit einem Essay von Marion Detjen, Weidle Verlag 2020, 216 Seiten
Die Geschichte ist schnell erzählt: Pärchen – sie jünger als er, unerfahrener – fährt im kalten München los und ab in den Süden von Frankreich. Dort stellt sich heraus, dass er ein Spieler und Frauenheld ist und Halligalli machen will, während die Dame ein Häuschen im Grünen samt Ruhe und Erholung will.
Das mondäne Leben der Côte d’Azur gegen retour a la nature in der den 1930er-Jahren sozusagen. Das Spannende daran ist nicht nur der lebendige Erzählstil, sondern dass die Autorin eigentlich wollte, dass man das Fragment verbrennt. Aber warum macht man es dann nicht selber? Außerdem handelt es sich um eine der interessantesten Verlegerinnenpersönlichkeiten der 20. Jahrhunderts. Helen Wolff lernte ihren späteren Ehemann in dessen Verlag in München kennen und lieben und reiste natürlich wirklich 1932 mit ihm nach Südfrankreich. 1933 heiratete sie Kurt Wolff und emigrierte mit ihm nach Frankreich. Im New Yorker Exil baute sie 1942 gemeinsam mit ihm den Verlag Pantheon Books auf. Als Verlegerin eroberte sie nach dem Zweiten Weltkrieg mit zahlreichen deutschen und europäischen Schriftstellern (Günter Grass, Max Frisch, Uwe Johnson, Italo Calvino) den US-amerikanischen Buchmarkt.
Gefunden hat es im Nachlass eine Großnichte Helens , die es versehen mit einem langen Essay jetzt im Weidle Verlag herausgegeben hat. Eine kleine literarische Sensation und eine wunderbar leichte Lektüre, die einem den Corona-Sommer versüßt. Alles ist da: das Meer, skurrile Gestalten, eine Paar, das sich findet, und allerlei Lokalkolorit mit Katzen und viel Natur. Bonne journée!
(Rezensionsexemplar, danke an den Verlag!)
Alexa Hennig von Lange: Die Wahnsinnige, DuMont 2020, 208 Seiten
Noch eine Frau, die man heutzutage als (fast) emanzipiert und nicht als wahnsinnig bezeichnen würde: Johanna von Kastilien kämpft 1503 leidenschaftlich für ihre Freiheit. Als unfreiwillige spätere Erbin eines Weltreiches wurde sie mit Philipp dem Schönen verheiratet, mit dem sie inzwischen vier kleine Kinder hat. Dass er ihr ständig untreu ist, erträgt sie so wenig wie eine zeitweilige Trennung von ihm.
Ihre Mutter, Isabella die Katholische, lässt sie zur Festung La Mota bringen, wo sie wieder beichten lernen und zur Vernunft kommen soll. Ein beklemmender Roman mit eindrücklicher bildhafter Sprache, die einen hineinzieht in diese dunkle Welt, als selbst adelige Frauen kaum ein Recht auf Selbstbestimmung hatten. Und Wutanfälle sofort als Wahnsinn deklariert wurden.
(Rezensionsexemplar, danke an den Verlag! Erscheint am 18. August 2020)
Die Buchcover beinhalten sogenannte Affiliatelinks, wenn Ihr die Bücher darüber kauft, koste euch das keinen Cent mehr, wir verdienen ein paar, um dieses Magazin weiter betreiben zu können. Danke!
Ähnliche Beiträge

Florian Paul & Die Kapelle der letzten Hoffnung – ein Interview
Selten hat mich in letzter Zeit eine junge Band so begeistert wie Florian Paul & Die Kapelle der letzten Hoffnung. Im Vorfeld des ausverkauften Konzerts in der Münchener Muffathallt im Dezember 2025 durfte ich den Kir Royal trinkenden, charismatischen Bandleader...

Geschenke aus der Schönen Handlung
Ihr wisst ja, bei mir oder bei uns in der Familie gibt es „Wir schenken uns nix“ NICHT. Aber schon im Frühherbst mache ich mich auf die Suche nach besonderen nachhaltigen Geschenkideen. Denn wenigstens eine Kleinigkeit, die die Augen am Heiligen Abend und den...

BARABARA – ein Slow Fashion Label und seine Schöpferin Barbara Baum
Barbara Baum und ihr Label BARABARA ist mir auf Instagram aufgefallen, denn ich bin ja immer auf der Suche nach interessanter Slow Fashion. Was ich lange nicht wusste: Barbara ist eine etablierte Designerin und erfahrenen Dozentin in Sachen Mode. Geboren in...

Lesen: Buchtipps für den Herbst 2025
Eine Leseherbst vom Feinsten ist das. Folgende fünf Bücher haben mich während meiner Oktober-Urlaubstage und schon vorher bestens unterhalten, amüsiert und zum Teil zu Tränen gerührt. Mit der richtigen Lektüre wird die kalten Jahreszeit doch gleich ein Stück...

DillyDally – zwei Frauen, Design und Fashion
Ich erinnere mich noch lebhaft an unsere erste zufällige Begegnung. Ich war in der Stadt unterwegs und traf auf diese unfassbar stylishen Frauen, die mir einen Werbezettel in die Hand drückten. Es war ein Flyer für den DillyDally Design Markt in Regensburg. Seitdem...

Vorbilder: Kunstpartner Adlmannstein – Wilma und Ingo
Wilma Rapf-Karikari und Ingo Kübler kenne ich schon ewig. Zum einen über das Regensburger Uni-Theater, in dem ich vor Jahrzehnten aktiv war, zum anderen über die Druckerei Kartenhaus Kollektiv, die sie maßgeblich mitgeprägt haben. Seit Anfang der 1990er-Jahre wohnen...




0 Kommentare