Frauen und Geld: Interview mit Irene Genzmer

18. April 2024 | immer.dasleben

„Ich bin als Feministin auf die Welt gekommen, aber das war lange Zeit verschüttet. Ich habe mich lange nicht getraut, für das einzustehen, was mir wichtig ist. Und ich habe mir wie so viele einreden lassen, Frauen und Männer seien gleichberechtigt. Die Geburt meines Sohnes – da war ich schon 39 Jahre alt –, und mein Job in der Entwicklungszusammenarbeit, haben mir die Augen geöffnet. Heute kann ich kaum nachvollziehen, wie irgendjemand das wirklich noch glauben kann.“

Wie Irene wurde, was sie ist

Irene Genzmer wusste wie so viele von uns – unter anderem ich – nach der Schule nicht so recht, was sie machen sollte und landete in der PR: „Das war nicht verkehrt und hat auch Spaß gemacht, aber irgendwann wollte ich da weg. Über eine Freundin, die aus der PR-Agentur in die Unternehmenskommunikation der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) gewechselt hatte, kam ich auch dorthin. Da war ich sehr glücklich, wollte aber nach ein paar Jahren gerne ins Ausland – selbst in der Entwicklungszusammenarbeit anpacken, und nicht nur darüber berichten.

Irene mit ihrer Kollegin Isra in Darfur, dort entstand auch das Titelbild. Fotos falls nicht anders angegeben: privat

Dank einer Chefin, die an mich geglaubt hat, wurde ich Beraterin in einem Projekt zu Arbeits- und Sozialstandards im Textilsektor. Und dank des nächsten Chefs, der dachte, das könnte passen, habe ich in eben jenem Projekt die Genderkomponente übernommen. Da hat es klick gemacht. Endlich, mit 45 Jahren, wusste ich, was ich wirklich will: Mit Frauen arbeiten, Frauen empowern, meinen Beitrag zur Gleichberechtigung leisten.

Irgendwann wollte ich dann aus dem Textilsektor raus. Also bin ich in den Sudan gegangen (auch mit der GIZ) und habe in einem großen Beschäftigungsförderungsprogramm eine Komponente geleitet, in der ich unter anderem Frauen in einer der abgelegensten Regionen der Welt, Darfur, darin unterstützt habe, ein kleines Business auf- oder auszubauen.

Irene in Kambodscha

Nach einem Militärputsch im Sudan mussten meine Familie und ich das Land aus Sicherheitsgründen verlassen. Das war dann der Auslöser für eine längere Auszeit, in der ich angefangen habe, als Influencerin im Bereich finanzielle Bildung für Frauen zu arbeiten. Ein Herzensthema, denn strukturelle Diskriminierung von Frauen hat unmittelbar mit dem Zugang zu finanziellen Ressourcen zu tun – der Frauen verwehrt bleibt, wenn sie die (unbezahlte) Care-Arbeit übernehmen. Darauf aufmerksam zu machen ist mir ein Anliegen.

Heute bin ich Genderbeauftragte der GIZ und nebenberuflich noch Selbständig als Mentorin für Frauen, Feminismus und Finanzen.“

Foto: Régis Binard

Frauen und Geld – ein schwieriges Thema. Warum?

Weil wir im Kapitalismus leben, Frauen aber dann als guter Teil der Gesellschaft gelten, wenn sie die Care-Arbeit übernehmen. Das sollen sie natürlich unbezahlt tun, denn sie machen das ja aus Nächstenliebe. Damit sind Frauen aber abhängig von Männern, die sie ernähren. Bei einer Scheidungsrate von 35 Prozent ist das keine gute Idee.

Die soziale Norm lehrt Frauen, dass Geld für sie nicht wichtig ist – mit fatalen Folgen. Die diversen Gaps in Sachen Finanzen sprechen da eine sehr eindeutige Sprache. Es gibt den Gender-Pay-Gap, den Renten-Gap, den Kredit-Gap, Erbschaftsgap, Vermögensgap und so weiter. Unsere Gesellschaft ist über Geld organisiert. Und den Zugang dazu haben vor allem Männer.

Foto 1: Régis Binard

Das Schlüsselwort dabei ist Zeit. Denn ohne den Zugang zu eigenen finanziellen Ressourcen in Form von gutbezahlter Arbeit verbunden mit beruflicher Weiterentwicklung wird es keine Gleichberechtigung geben.

Und dafür braucht es eine faire Aufteilung von Care-Arbeit. Sonst werden Frauen solange sie Kinder bekommen nie genug Zeit haben, ein eigenes Einkommen zu erwirtschaften, mit dem sie unabhängig vom Verdienst eines Partners sind. 

Während Männer stolz auf ihre Erfolge sind, halten wir immer hinterm Berg, oder?

Ja, zumindest viel eher. Auf mich trifft das unbedingt zu. Ich konnte mir zum Beispiel früher gar nicht vorstellen, Führungskraft zu werden. Dabei hatte ich schon immer einen großen Gestaltungswunsch und bin Willens, Entscheidungen zu treffen und dafür einzustehen. In meinen Vierzigern hat eine Coach zu mir gesagt, dass ich jemand zu sein scheine, die die Leistungen anderer über- und die eigenen Leistungen unterschätzt. Das hat mir sehr zu denken gegeben und ich habe festgestellt: Es stimmt!

Auch das hat viel mit sozialer Norm zu tun. Eine Frau, die stolz auf ihre Leistungen ist und das auch zeigt, ist sofort unsympathisch. Hauptsache, wir sind nicht bedrohlich. Das wird bei Männern gesellschaftlich ganz anders wahrgenommen. Frauen können da nicht gewinnen – entweder sie sind unsympathisch, oder sie werden nicht als kompetent wahrgenommen, weil sie ihre Leistung nicht zeigen oder sogar herunterspielen. Beides nicht gerade karrierefördernd.

Foto: Régis Binard

Ich habe irgendwann ganz bewusst entschieden, dass ich mich zeige. Wenn es Menschen gibt, die mich deswegen negativ bewerten, dann ist das so. Ich kann inzwischen damit leben – auch wenn es schwerfällt. Aber das ist es mir Wert, damit ich in Sachen Gleichberechtigung etwas erreichen kann.

Deine drei Tipps für einen besseren Umgang mit Geld?

  • Akzeptiert, dass Geld und der eigene Zugang dazu ein ernstzunehmender Faktor in unserem Leben ist und entscheidet euch dafür, euch höchstpersönlich um das Thema zu kümmern.
  • Legt die Angst davor ab, nicht genug zu wissen oder Fehler zu machen, und entdeckt die Seite an Geld, die Spaß macht. Die gibt es tatsächlich!
  • Fangt an, an der Börse zu investieren. Fangt klein an, aber fangt an. Am besten mit einem Sparplan auf einen breit gestreuten ETF.

Was ist Geld für dich persönlich?

Ich bin überzeugt, dass wir in einer besseren Welt leben, wenn sie von Frauen und Männern gleichermaßen regiert wird. Ich will, dass Männer und Frauen überall die gleichen Rechte haben, und gleichermaßen die Möglichkeit, diese Rechte durchzusetzen. Ich will, dass Frauen mitreden und mitbestimmen. Für sich selbst und für andere. Einer der Schlüssel dazu ist der Zugang zu Geld. 

Für mich bedeutet Geld, eine Wahl zu haben, Geld ist Freiheit, und Geld macht Spaß!

Irene in Kambodscha

Was bietest du an?

Ich versetze Frauen in die Lage, sich selbst um ihre Finanzen zu kümmern. Das Thema Geld nicht mehr wegzudrücken hat etwas sehr empowerndes. Ich wünsche wirklich jeder Frau, dass sie das erleben kann. Ich biete Einzelcoachings an, ich halte Workshops in Unternehmen und ich habe unter theskyisherlimit.com einen Blog zum Thema finanzieller Feminismus.

Außerdem werde ich ein Buch schreiben – etwas, das ich zum ersten Mal mache. Zum Glück habe ich eine Journalistin an meiner Seite.

Wir werden ein Buch über Frauen schreiben, die Geld geerbt haben. Die Journalistin hat selbst Geld geerbt und war damit regelrecht überfordert. So kam sie zu mir ins Finanz-Mentoring.

Und so kam sie auf die Idee, dieses Buch zu machen – damit es anderen Frauen nicht so geht, wie ihr. Es wird ein persönliches Buch, mit vielen selbst erlebten Geschichten, aber auch ganz konkreten Tipps zum Umgang mit Geld. Ich bin schon sehr gespannt auf unser gemeinsames Buchprojekt!

theskyisherlimit.com

Mein erstes KI-Experiment: Bild oben gefüttert mit Begriffen „Money“ und „Woman“, dann unten „elder woman“. Aufschlussreich oder?

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Ursula Gaisa

1968 in Schwandorf geboren. Studium Anglistik und Germanistik. Seit 1994 beim ConBrio Verlag. Journalistin, Buchautorin und Herausgeberin von immerschick.de

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