Fragen in der Krise

13. April 2020 | immer.dasleben

Gerade leben wir in einem historischen Ausnahmezustand. Wäre es nicht so gespenstisch, wäre es bestimmt ganz interessant. Vor allem, weil die meisten von uns gerade (neben Toilettenpapier, Nudeln und Mehl) deutlich mehr Zeit haben, in der man sich über die Situation informieren, sie beobachten, analysieren und sich Gedanken darüber machen kann. Neben den Dingen, die ich verstanden habe (Kontaktsperre „to flatten the curve“) habe ich (wie wahrscheinlich viele von uns) aber eine Reihe von Fragen, zu denen ich trotz Google keine Antwort finde, was mein Unbehagen nicht gerade verkleinert. Im Gegenteil.

  • Treffpunkt Supermarkt?

Es herrscht eine Kontaktsperre in einem historisch unvergleichlichen Ausmaß. Nix geht mehr, die Wirtschaft fährt vor die Wand, Millionen werden ihre Jobs (und damit ihre sozialen Sicherheiten) verlieren. Außer bei uns im Edeka, Aldi oder Bauhaus. Wenn man sonst nirgendwo mehr hindarf – this is the place to be. Immer lange Schlangen, immer voll und gerade wegen der „Einkaufswagenpflicht“, die immer mehr dieser Läden sukzessive einführen, ein schwer zu durchquerendes Labyrinth. Die „2 Meter Hygieneabstand“ mahnenden Bodenkleber sind hier oft schwer umzusetzen, da überall mitten in den Gängen zahl- und herrenlose Einkaufswagen stehen, deren Halter grübelnd vor halbleeren Nudelregalen stehen und überlegen, welche der beiden noch vorhandenen Nudelsorten besser zum Abendessen passt. Gerade die vielen Rentner, die einen Großteil der Kunden ausmachen, sind hier – meinen Beobachtungen zufolge – gerne als freie Radikale unterwegs. In Unterhaltungen vertieft blockieren sie den Gang, rücken einem an der Fleischtheke dicht auf die Pelle oder drängeln sich an der Kassenschlange an einem vorbei. „Tschuldigung, darf ich mal eben durch“ krächzt es von hinten an mein Ohr und schon quetscht sich eine betagtere Damen von hinten an mir vorbei. Sie hat wohl nicht gefunden was sie suchte und will sich nun mit leeren Händen natürlich nicht anstellen. Da muss sie dann also durch, vorbei an allen, nur nicht anstehen. So viel Zeit muss ja schließlich nicht sein.

  • Risikogruppe Rentner?

Apropos Rentner, eigentlich sind sie ja gemeint. Sie gehören eindeutig – neben Menschen mit Vorerkrankungen – zur Risikogruppe, die es zu schützen gilt, da sie es sind, die das höchste Risiko haben, wenn infiziert, an dem neuen Virus zu sterben. Sie sind es, die durch die allgemeine, für alle geltende Kontaktsperre, am meisten geschützt werden sollen. Es scheint aber nicht erlaubt zu sein, nachzufragen, warum man es nicht genau so macht. Kontaktsperre eben nicht für alle, sondern für die, um die es geht. Sofort fallen Begriffe wie Diskriminierung, Widerspruch zum Gleichheitsgrundsatz, soziale Ungerechtigkeit und andere unbehagliche Begriffe. Warum? Sie haben ein höheres Risiko als andere, also könnte man genau das ja minimieren, oder nicht? Zielgruppengerecht, ein neuer, temporärer Generationenvertrag. Ein 80jähriges Ehepaar, rüstig und gesund, kann gerne im Wald spazierengehen, bekommt geliefert, was es braucht und lebt eine Zeit lang geschützt. Ist das so falsch? Ist Stubenarrest für alle die bessere, gerechtere Alternative?

  • Ist das neue Virus ein begleitender Sterbehelfer oder ein Mörder?

Ein kleines Ding mit großer Wirkung ist bei dieser Frage die Verwendung bestimmter Präpositionen. Jemand ist „durch/an“ oder „mit“ Corona gestorben ist ein gewaltiger Unterschied. So ist einer der ersten Todesfälle „wegen“ des Coronavirus in Deutschland ein 78jähriger aus Heinsberg. Dieser verstarb Anfang März zwar mit Corona aber „an Herzversagen“ (FAZ vom 10.03.) Laut „Bild“ ist er allerdings „an dem Erreger Sars-CoV-2“ gestorben. Eigentlich ist es Aufgabe der Pathologen, veritable Aussagen über Todesursachen zu machen. Der Hamburger Pathologe Prof. Klaus Püschel hat bereits eine Reihe von Corona-Opfern obduziert und kommt zu dem Ergebnis, dass „vor allem Kranke und Menschen mit einem geschwächten Immunsystem“ versterben. Hauptsächlich waren es Menschen mit Vorerkrankungen wie Krebs, Diabetes oder chronische Lungen- oder Herz-Kreislauferkrankungen, von denen einige, so Püschel, „sowieso sterben würden.“

  • Damit hat keiner gerechnet?

Ich hab’s nicht so mit Zahlen, trotzdem habe ich mal gerechnet, teils aus Langeweile, teils weil ich die Ausmaße dieser Krise wirklich nicht verstehe. Aber wer tut das schon? 2018 gab es laut Statista in Deutschland insgesamt rund 950.000 Tote. Das sind runtergerechnet auf einen Tag 2600 Tote. Seit Ausbruch der Krise sind in Deutschland bisher laut RKI 2799 Menschen „an“, „durch“ oder „mit“ Corona gestorben. So viel wie sonst an einem Tag sowieso? Die Influenza-Saison 2017/18 beklagte – ohne Kontaktverbot – 25.000 Tote. Und die Aids-Pandemie kostete seit ihrem Ausbruch mehr als 35 Mio. Menschen das Leben. Auch ohne Kontaktverbot. Oder Kondom. Komisches Leben gerade. Fragen über Fragen. Gestern saß ich am Rhein in der Sonne, während ich mal wieder grübelte und mir Fragen stellte, auf die ich keine Antworten weiß und finde. Mutterseelenallein auf einer Bank, kein Mensch weit und breit. Ich hatte Kopfhörer auf und hörte Musik. Plötzlich hupte es hinter mir. Ich drehte mich um und nahm die Kopfhörer ab. Ein Polizeiwagen. Der Beamte hinter dem Steuer forderte mich schroff auf: „Hey, Sie, stehen Sie sofort auf und gehen Sie weiter. Sonst wird ein Bußgeld fällig.“ Ich tat, wie geheißen und habe seitdem noch eine Frage mehr: Die nach der Verhältnismäßigkeit.

Und ihr so? Welche Fragen beschäftigen euch zur Zeit?

Monika Nowotny

Ich bin Moni, eine "alte" Freundin von Ursula, im wahrsten Sinne des Wortes ;-). Wir kennen uns jetzt seit mehr als 20 Jahren, haben viel zusammen gemacht, gelacht und gesacht. Ich bin freiberufliche Autorin/Redakteurin/Texterin und ebenfalls ü50. Dass man/frau damit nicht zum "alten Eisen" gehört, davon erzählt dieses Blogzine.

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