Interview mit Doris Dörrie zu ihrem neuen Buch

Doris Dörrie, Ihr Buch „Leben, schreiben, atmen“ ist eine Einladung zum Schreiben. Es geht darin aber nicht darum, Literatur zu schaffen, sondern um autobiographisches Schreiben, darum, dem eigenen Leben schreibend auf die Spur zu kommen. Sie sind eine bekannte Autorin und unterrichten seit Jahren Drehbuchautoren in „kreativem Schreiben“. Wie kam es zu diesem Buch, das sich nicht an Profis, sondern an alle richtet?
Jedes Leben ist berichtenswert.
Doris Dörrie: Seit vielen Jahren gebe ich als Professorin an der Filmhochschule und auch außerhalb Workshops überall auf der Welt, in denen ich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ermuntere und anleite, ihre eigene Geschichte zu schreiben. Immer wieder erlebe ich, welche enorme Ermächtigung es bedeutet, sich dem eigenen Leben schreibend zu nähern. Welche Freude, welche Inspiration, welche tiefe Befriedigung daraus entstehen kann, zu begreifen, dass jedes Leben berichtenswert ist! Dass jedes Leben unverwechselbar und das ganz eigene und besondere ist! Das bedeutet sehr viel in einer Welt, die sich immer mehr an einer homogenen digitalen Oberfläche orientiert, die immer nur fragt, ob ich schön und erfolgreich genug bin.
Kann jeder schreiben?
Doris Dörrie: Ja. Jeder, der lesen kann, kann auch schreiben. Ich habe über die vielen Jahre einen sehr handlichen Werkzeugkoffer zusammengestellt, mit dem tatsächlich jeder lernen kann zu schreiben. Darüber hinaus gibt es in Wahrheit nur einen einzigen Trick: ganz genau hinzuschauen. Immer wieder. Und jeden Tag. Und das lässt sich trainieren. Hier geht es nicht darum, Literaturpreise zu gewinnen, sondern darum, genau und wahrhaftig dem eigenen Leben gegenüber zu sein. (Man kann aber durchaus auf diese Weise dann Literaturpreise gewinnen.)
Warum tut es gut zu schreiben?
Doris Dörrie: Es bringt mich auf eine manchmal fast magische Weise in mein eigenes Leben und meine eigene Zeit zurück. Wir haben immer mehr das Gefühl, uns zu verlieren, weil wir so selten im eigenen Leben anwesend sind und uns die Zeit durch die Finger rinnt. Wenn man schreibt, bekommt man ein Zuhause im eigenen Leben, eine Erdung und intensive Verbindung mit der Welt, wonach wir uns doch alle sehnen.
Sie erzählen in diesem Buch ja sehr persönlich aus Ihrem eigenen Leben.
Doris Dörrie: Bei diesem Buch bin ich deutlich erkennbarer persönlich geworden als bisher, was für mich aber eigentlich keinen großen Unterschied macht, weil alles, was ich schreibe, letztlich persönlich ist. Aber hier wollte ich zeigen, dass es vielleicht am Ende darum geht, uns gegenseitig auch unsere Schwächen und Verletzungen zu zeigen und über sie zu berichten, um tief und wahrhaftig miteinander zu kommunizieren. Es ist eine Frage der Verhüllung und Verschleierung, inwieweit man sich zu erkennen gibt. Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass ich keine Verschleierung mehr brauche und es vielleicht auch an der Zeit ist, besonders als Frau jetzt über das tatsächliche eigene Leben zu erzählen. Was nützt es denn, wenn ich mich immer nur mit frisch gefönten Haaren und Beauty-Filter zeige und behaupte, dass alles ganz ganz toll ist in meinem Leben?
Sie fordern im Buch zum freien Assoziieren auf, bei dem man unter Umständen selbst überrascht wird, wohin das Schreiben einen führt. Gab es in diesem Buch für Sie auch Überraschungen?
Doris Dörrie: Es gibt, wenn man auf die Art und Weise schreibt, wie ich es hier schildere, jeden Tag Überraschungen, weil ich immer wieder darüber staune, was mein Gehirn tief in seinen Windungen anscheinend abgespeichert und aufgehoben hat. Das mit Methode wieder herauszukitzeln bedeutet, auch immer wieder überrascht zu werden von dem Reichtum des eigenen Lebens in all seinen Details. Das sind oft beglückende, aber nicht nur friedliche und hübsche Details und Szenen, doch sie schildern mich und mein kurzes, ganz eigenes Vorhandensein auf dieser Welt. Letzten Endes geht es darum, durch das Schreiben zu begreifen, dass man wirklich hier war. Dass jedes Leben in all seinen Details einen ganz besonderen und unvergleichlichen Wert hat.
Schreiben Sie jeden Tag?
Doris Dörrie: Ja.
Interview mit Doris Dörrie von Margaux de Weck, Juli 2019, mit freundlicher Genehmigung © by Diogenes Verlag AG Zürich
Beitragsbild: © Constantin Film Verleih GmbH / Dieter Mayr
Ein Rezensionsexemplar wurde vom Verlag zur Verfügung gestellt. Affiliate-Link!
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