Gute Pflege braucht Kraft – ein Interview mit Nicole Lindner

Nicole Lindner ist Sozialpädagogin, pflegende Angehörige, Autorin und kommt aus Regensburg. Ich kenne sie durch ihre Website für Feinfühlige, auf der ich meinen Weg als Hochsensible beschreiben durfte. Ihr neues Buch heißt „Gute Pflege braucht Kraft. Selbsthilfe für pflegende Angehörige“ und ist Mabuse Verlag erschienen.*
Titelbild: Dietmar Grün
Wie bist du selber zu einer pflegenden Angehörigen geworden?
Ich bin zu einer pflegenden Angehörigen geworden, weil meine Mutter im Jahre 2017 während einer Operation einen Schlaganfall erlitt und danach halbseitig gelähmt war. Unsere Familie entschied, Mama zu Hause zu pflegen und sie nicht in ein Heim zu geben. Nachdem wir das Haus behindertengerecht umbauen konnten, holten wir sie heim – und teilen uns seitdem die häusliche Pflege.


Für wen und warum hast du das Buch verfasst? Wie hast du die Zeit dafür gefunden in deiner Situation?
Das Buch habe ich für alle häuslich pflegenden Angehörigen verfasst, um ihnen in ihrer schwierigen Situation zu helfen. Da ich vorher schon in unterschiedlichen Bereichen der Seniorenarbeit tätig war, habe ich viel gesehen und gelernt, das ich in das Buch mit aufgenommen habe. Genauso hatten (und haben) wir innerhalb der Familie mit vielen unterschiedlichen Herausforderungen zu kämpfen, für die wir stets Lösungen finden müssen.
Ich wünsche mir, dass andere Pflegende es leichter haben und von meinen Erfahrungen und den Lösungswegen profitieren – genau deshalb habe ich diesen Ratgeber geschrieben. Zeit habe ich dafür gefunden in Phasen, in denen ich nicht im Haus meiner Eltern vor Ort war und Ruhe hatte zum Schreiben. Für mich war das auch eine Form der Verarbeitung und hat mir in Bezug auf Selbstfürsorge gutgetan – übrigens ist das ein Wert, den jede*r häuslich Pflegende*r während der Pflegezeit unbedingt hoch halten sollte.
Was genau ist der „Biografische Blick“ im Buch?
Biografiearbeit, das heißt lebensgeschichtliche Arbeit, kann die häusliche Pflege erleichtern – sowohl für die Pflegeperson als auch für den betagten Menschen. Beziehe ich die Vergangenheit der Senior*innen mit ein, vermittle ich ihnen ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit.
Weiß ich zum Beispiel, dass eine alte Dame früher gerne gekocht hat, kann ich das gemeinsam mit ihr tun und ihr einfache Arbeiten auftragen oder sie fragen, wie ich bestimmte Speisen zubereiten soll. Dann fühlt sie sich gebraucht und als Expertin in eigener Sache.
Die Lebensgeschichte mit einzubeziehen ist aber auch für mich als Pflegeperson sinnvoll. So kann ich mich in Krisensituationen fragen, mit welchen Bewältigungsmechanismen ich frühere Herausforderungen schon bewältigt habe. Waren es bestimmte Hobbys, Gespräche mit Freunden oder Hilfe von Fachleuten? Vielleicht kann mir das ja auch in der gegenwärtigen Situation hilfreich sein. Der Biografische Blick im Buch zeigt auf, wie Biografiearbeit auf unterschiedliche Art und Weise in der häuslichen Pflege eingesetzt werden kann, um eine gute Pflege für beide Parteien zu leisten.



Drei Tipps, die Pflegende unbedingt brauchen?
So viel Unterstützung wie möglich annehmen – am besten sollte es ein bunter Mix aus unterschiedlichen Hilfen sein (etwa durch Familienangehörige, Freunde, Pflegedienst, Tagespflege, Verhinderungspflege usw.)
Beratungsangebote von Pflegekassen bzw. Pflegestützpunkten oder online wahrnehmen. Viele Angehörige rufen die Leistungen der Pflegekasse nicht ab, weil sie gar nicht davon wissen. Das ist eine wertvolle Hilfe, die dann ungenutzt bleibt.
Regelmäßige Auszeiten einplanen und auch mal an sich denken – denn häusliche Pflege ist kein Sprint, sondern meistens ein Marathon!
Ist es human, jemanden zu pflegen, der keinerlei Lebensqualität hat, kein normales Leben mehr führen kann und jede Minute des Tages auf Hilfe angewiesen ist?
In der Vergangenheit habe ich oft Menschen kennengelernt, die ganzkörpergelähmt waren oder nur noch im Bett lagen und für mich offenkundig keine Lebensqualität mehr hatten. Trotzdem zeigten sie mir mit Gesten und Worten, dass sie noch leben möchten.



Gerade von solch starken Menschen lernt man unglaublich viel für das eigene Leben, unter anderem demütig zu sein. Ich halte es für wichtig, dass jeder Mensch, egal in welchem Alter, eine Patientenverfügung erstellt und darin festlegt, wie er versorgt werden möchte, wenn er das offenkundig nicht mehr selbst entscheiden kann. Für eine andere Person zu entscheiden, ob sie lebt oder stirbt, finde ich schwierig. In unserer Familie hat seit Mamas Schlaganfall jede*r eine Patientenverfügung – man weiß schließlich nie, wie lange man noch gesund ist und seinen Willen klar kommunizieren kann.
Wenn der oder die Gepflegte nicht mehr leben wollen und das klar kommunizieren, was kann man dann konkret tun?
Sterbehilfe ist in Deutschland umstritten. Soweit ich weiß, ist die aktive Sterbehilfe (d.h. jemand verabreicht ein tödlich wirkendes Mittel) verboten, passive Sterbehilfe hingegen (d.h. man verzichtet auf lebensverlängernde Maßnahmen) ist erlaubt.
Ich persönlich würde deshalb wahrscheinlich auf Nahrung verzichten, wenn ich in einer Situation wäre, in der ich nicht mehr leben wollte. Oder in die Schweiz reisen, da ist assistierter Suizid erlaubt.
www.meinweg-deinweg.de
www.steissbeinschmerzenhilfe.de
www.soziale-dienste-regensburg.de
*Rezensionsexemplar, das Cover enthält einen sogenannten Affiliate Link, das heißt das heißt wenn du darüber bestellst, kostet dich das keinen Cent mehr, wir bekommen ein paar zum Erhalt dieses Magazins, danke!
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