Sind wir nicht alle ein bisschen HSP?

Dich darf man ja nicht mal schief anschauen, schon weinst du“, dieser Satz meiner Mutter prägte schon meine Kindheit. Ich fühlte mich eben sofort in meinen Grundfesten erschüttert, wenn mich jemand kritisierte, rügte oder gar schimpfte. Eine meiner frühesten Erinnerungen ist das geborgene Gefühl, wenn mir am Morgen im großen Bett der Eltern vorgelesen wurde.
Leseratte von Anfang an
Überhaupt die Fantasie – ich war die ersten fünf Jahre meines Lebens eigentlich nur fast mit meiner Mama und ein paar Verwandten in Kontakt, was mir nichts ausmachte – spielte schon immer eine sehr große Rolle. Ich erfand mit Mensch-ärgere-dich-nicht-Figuren und jeder Menge Krimskrams ganze Welten und spielte Szenen aus Büchern nach.
In der Grundschule fiel ich durch meine sehr guten Noten auf, die mir aber irgendwie peinlich waren, ich wollte nicht im Mittelpunkt stehen und als Klassensprecherin andere laute Kinder an die Tafel schreiben, wenn der Lehrer aus dem Zimmer war. Mit meiner einzigen besten Freundin spielte ich jetzt stundenlang Barbie, malte stapelweise Bilder und wollte unbedingt Klavier spielen lernen und ins Ballett. Ich durfte. Sobald ich lesen konnte, verschlang ich alles, was mir in die Finger kam.
Traumatisiert mit fünf
Meine Mutter wäre nie auf die Idee gekommen, mich auf’s Gymnasium zu schicken – andere Zeiten in ländlicher Umgebung -, erst auf das dringende Anraten meines Lehrers durfte ich diesen nächsten Schritt gehen. Traumatisch war der Unfalltod meiner Oma für mich, als ich fünfeinhalb war, meine Mama schwanger. Es war an Ostern und ich sehe mich heute noch vor meiner in Tränen aufgelösten Mama stehen und mit meinem Hasen winken. Ich merkte zum ersten Mal, dass ich getrennt bin von ihr, allein auf der Welt. Die Geburt im September war schwer, sie war drei Wochen im Krankenhaus, das verwirrte mich noch mehr.
Danach brach ich regelmäßig in Panik aus, wenn jemand fünf Minuten zu spät kam.
Auf dem Gymnasium hatte ich erst Mal Angst vor allem: den neuen Gesichtern, den vielen Lehrern, dem Notendruck, der plötzlich zum ersten Mal ein mein Leben kam. Doch ich lebte mich ein, spielte Geige im Orchester, war im Chor, in der Theatergruppe, in der SMV und in der Redaktion der Schülerzeitung. Vielbegabt eben, das Wort kannte man damals aber noch nicht.
Hochsensible Scannerin mit extrovertierten Seiten
Ich will euch nun nicht mit meiner ganzen Lebensgeschichte langweilen, aber ich weiß erst seit ein paar Jahren, dass ich extrem hochsensibel und eine vielbegabte Scannerin bin. Hätte ich es früher gewusst, hätte mir das sehr geholfen. Ich war oft einsam, eingeschüchtert und in Panik, auch wenn mir das wegen meine schulischen Erfolge und Begabungen niemand so recht geglaubt hat.
Elaine Aron, eine US-amerikanische Psychologieprofessorin und Psychotherapeutin, forscht seit Anfang der 90er-Jahre zum Thema, wertete Studien zu hoher Reaktivität und Geräuschempfindlichkeit aus. Sie prägte auch den Begriff „High Sensitivity“ – also „Hochsensibilität“. Ihr erstes Buch „The Highly Sensitive Person“ erschien 1996 im Original und 2005 in deutscher Sprache unter dem Titel „Sind Sie hochsensibel?“. Seitdem sind zeitversetzt auch im deutschen Sprachraum unzählige Bücher zum Thema erschienen.
Hochsensible nehmen Reize verstärkt wahr.
Das ist keine Krankheit, sondern ein Phänomen, das (die Zahlen schwanken) 15 bis 20 Prozent aller Menschen unabhängig von Geschlecht und Nationalität betrifft: ein vielschichtiges Phänomen, das einem schwer zu schaffen machen kann, wenn man nichts Genaueres darüber weiß.
Emotional und empfindsam
Hochsensible sind natürlich allesamt unterschiedlich, aber vieles haben sie gemeinsam: Sie sind oft „nah am Wasser gebaut“, das heißt sehr emotional und empfindsam. Es ist mir schon passiert, dass ich mitten in einem Konzert in Tränen ausgebrochen bin, weil mich ein Stück so im Innersten berührt hat. Sie empfinden viele Sinnesreize viel stärker als der Rest: sie riechen, hören, schmecken besser, was auch sehr unangenehm sein kann. Man denke nur an schwitzende Menschen im Sommer oder die Geräuschpegel in Flughäfen oder Bahnhöfen. Hochsensible sind sehr empathisch, das heißt, sie können die Gedanken und Gefühle ihrer Mitmenschen regelrecht spüren, sie verwechseln dabei oft ihre eigenen Gefühle mit denen der anderen. Sie haben einen starken Sinn für Gerechtigkeit – und Ungerechtigkeit.
Hochsensible sind sehr anfällig für übertriebene Schuldgefühle und beziehen vieles auf sich, was anderen völlig egal wäre.
„Was denkt der über mich?“ – „Sie hat mich so komisch angeschaut, hab‘ ich etwas Falsches gesagt?“
Um solche Fragen kreisen die Gedanken dann oft bis in die Nacht. Vielbegabten fällt es schwer, die Balance zwischen Überforderung und Langeweile zu finden. Zu dieser Gruppe gehöre ich: mir wird schnell langweilig, wenn nichts Spannendes in meinem Leben passiert. Oft bin ich aber dann auch schnell erschöpft und falle in ein tiefes Loch, wenn eine herausfordernde Situation vorbei ist.
Introvertiertheit ist ein Kennzeichen von zirka 70 Prozent der Hochsensiblen, der Rest kann auch extrovertiert sein. Ich liebe zum Beispiel meine Auftritte auf der Bühne. Wenn mich danach aber jemand anspricht, würde ich mich gern unsichtbar machen. Und Smalltalk kann ich gar nicht.
Wir reagieren auf alle möglichen Reize von außen viel stärker als Nichthochsensible, alles prasselt ungefiltert auf uns ein, was wahnsinnig anstrengend sein kann.
Deshalb müssen wir uns oft zurückziehen und brauchen eine Pause. Diese Eigenschaft haben wir übrigens schon von Geburt an! Aus diesem Grund sind wir auch vor allem als Eltern oft mehr im Stress als andere, denn manche Kinder fordern ohne Rücksicht und lassen einem oft keine Zeit für Rückzug und Pausen.

Nach einigen Verwicklungen, ich wollte eigentlich nach dem Abi Schauspielerin werden, bin ich nun seit vielen Jahren Journalistin und Redakteurin in einem Musikverlag, trete aber nebenbei immer wieder als Sängerin und Kabarettistin auf. Ich betreibe dieses Blogzine mit großer Leidenschaft, war aus lauter Langeweile schon zweimal im Fernsehen: bei Shopping Queen und in der Küchenschlacht und habe zusammen mit einer Freundin einen Roman veröffentlicht. Früher machte mir das sehr zu schaffen, dass ich so viele Sachen mache und „nichts so richtig“, heute weiß ich, dass ich das brauche.
Diesen Text habe ich vor vier Jahren für mein Blog-Magazin Erbsenkönigin geschrieben. Inzwischen habe ich mich dem Thema etwas entfremdet. Ich führe die Seite nicht weiter. Wen es aber interessiert: eine Jimdo-Variante lebt weiter im Netz. Du willst dich testen, ob du betroffen bist, dann schau hier nach!
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