Nur HSP oder auch ADHS? – Beraterin Nina Payer im Interview

Nina Payer ist psychologische Beraterin und Nervensystem- sowie Hypnose-Coach mit somatischem Ansatz. Sie begleitet sensible und neurodivergente Frauen – mit ADHS, Hochsensibilität oder Autismus-Spektrum-Tendenzen – dabei, ihre Muster nicht nur zu verstehen, sondern auch nachhaltig zu verändern – passend zu einem neurodivergenten Nervensystem. Mehr zu ihrer Arbeit unter ninapayer.de.
Liebe Nina, du warst ja schon mal auf immerschick.de zu Gast, das war 2023. Was hat sich seitdem bei dir verändert?
Eine ganze Menge. Damals habe ich vor allem mit hochsensiblen Frauen gearbeitet und mich selbst auch in diesem Thema wiedergefunden. Inzwischen weiß ich, dass bei mir selbst ADHS eine große Rolle spielt – eine Erkenntnis, die rückblickend das letzte noch fehlende Puzzleteil für mich war.
Durch meine eigene Diagnose habe ich angefangen, mich intensiv mit Neurodivergenz zu beschäftigen. Dabei wurde mir klar, dass viele Frauen, die sich als hochsensibel beschreiben, eigentlich ein viel komplexeres Bild mitbringen. Manche haben ADHS, manche befinden sich im Autismus-Spektrum, manche haben beides, und viele haben über Jahrzehnte Strategien entwickelt, um ihre Schwierigkeiten im Alltag zu verstecken.

Auch meine Arbeit hat sich nochmal verändert. Ich arbeite immer noch körperorientiert und beziehe das Nervensystem mit ein, aber zusätzlich ist die Antreiber- und Anteilsarbeit ein weiteres großes Thema in meinen Beratungen und Coachings geworden. Denn viele meiner Klientinnen wissen längst, was ihnen eigentlich guttun würde oder wie sie ihren Alltag passender für sich und ihre Bedürfnisse abstimmen könnten. Das eigentliche Problem ist meist nicht fehlendes Wissen, sondern dass ihr System dauerhaft überfordert ist und deshalb nicht umsetzen kann, was der Kopf längst verstanden hat.
Neurodivergenz, darum ging es damals schon bei dir. Ist das gleichzusetzen mit ADHS?
Nein. Neurodivergenz ist ein Oberbegriff für Menschen, deren Gehirn Informationen anders verarbeitet als die gesellschaftliche Norm. Dazu gehören zum Beispiel ADHS, Autismus, Lese-Rechtschreibschwäche oder Dyskalkulie.
ADHS ist also eine Form von Neurodivergenz, aber nicht jede neurodivergente Person hat ADHS.
Was ich ganz spannend finde: Viele Frauen erkennen sich zunächst in Begriffen wie Hochsensibilität, Perfektionismus, Erschöpfung oder Stressanfälligkeit wieder. Erst später entdecken sie, dass möglicherweise eine neurodivergente Veranlagung dahintersteckt, die ihr ganzes bisheriges Leben geprägt hat.
Kommt das oft in Kombination mit HSP vor? Und was sind die Merkmale?
Das ist eine gute Frage, weil Hochsensibilität keine medizinische Diagnose ist. Viele Eigenschaften überschneiden sich mit ADHS oder Autismus.
Sowohl hochsensible Menschen als auch Menschen mit ADHS berichten häufig von einer starken Reizwahrnehmung, schneller Überforderung, intensiven Emotionen oder dem Bedürfnis nach Rückzug.
Der Unterschied liegt oft weniger darin, dass Reize intensiv wahrgenommen werden, sondern in der Art wie das Gehirn sie verarbeitet. Bei ADHS kommen beispielsweise häufig Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit, Organisation, Impulskontrolle oder der Regulation von Energie und Emotionen hinzu.
In meiner Praxis erlebe ich immer wieder Frauen, die jahrelang überzeugt waren, „nur“ hochsensibel zu sein. Manche stellen später fest, dass zusätzlich ADHS oder eine andere Form von Neurodivergenz eine Rolle spielt. Andere bleiben bei der Beschreibung Hochsensibilität. Beides ist völlig in Ordnung. Entscheidend ist nicht das Etikett, sondern dass man sich selbst besser verstehen lernt. Eine Diagnose kann für viele Menschen sehr hilfreich sein, sie ist aber nicht in jedem Fall notwendig. Wichtig ist vor allem, ob ein Leidensdruck besteht und ob die eigenen Schwierigkeiten den Alltag spürbar beeinträchtigen.

ADHS verbinden wir mit dem Zappelphilipp, der die Schule kaum schafft. Frauen mit diesem Merkmal sind oft mehrfach begabt und High Performer, oder?
Viele Menschen haben tatsächlich noch dieses alte Bild vom lauten, impulsiven Jungen vor Augen, der ständig stört und in der Schule über Tische springt. Das Problem ist: Viele Mädchen und Frauen passen überhaupt nicht in dieses Klischee.
Sie sind oft leistungsbereit, verantwortungsbewusst und sehr anpassungsfähig. Viele entwickeln früh Strategien, um Schwierigkeiten auszugleichen. Sie schreiben Listen, kontrollieren alles mehrfach, arbeiten länger als andere oder versuchen, perfekt zu sein und nicht aufzufallen.
Von außen wirken sie häufig erfolgreich und organisiert. Innerlich kostet sie das aber oft enorm viel Energie.
Deshalb werden viele Frauen erst erkannt, wenn ihre bisherigen Kompensationsstrategien irgendwann nicht mehr ausreichen – zum Beispiel durch die Anforderungen von Beruf, Familie, Pflege von Angehörigen oder hormonelle Veränderungen in den Wechseljahren. Dann entsteht häufig der Eindruck: „Plötzlich geht nichts mehr.“ In Wahrheit hat das eigene System oft schon viele Jahre auf Hochtouren gearbeitet.
Was nützt mir die Erkenntnis? Was kann ich tun, um der ständigen Überforderung und extremen Erschöpfung zu entgehen?
Für viele Frauen ist diese Erkenntnis zunächst einmal eine enorme Entlastung. Sie merken: Ich bin nicht faul. Ich bin nicht undiszipliniert. Ich bin nicht einfach nur zu empfindlich.
Das bedeutet nicht, dass plötzlich alle Probleme verschwinden, aber man hört auf, gegen sich selbst zu kämpfen.
Der nächste Schritt besteht meist darin, den Alltag an das eigene Gehirn anzupassen, statt sich ständig an Erwartungen anzupassen, die vielleicht gar nicht zu einem passen. Dazu gehören ausreichend Pausen, weniger Reizüberflutung, realistische Planung, klare Grenzen und oft auch ein besseres Verständnis für das eigene Nervensystem.
Manche Frauen profitieren zusätzlich von einer Diagnostik, Coaching, Therapie oder einer medikamentösen Behandlung. Es gibt nicht die eine Lösung für alle. Aber das Verständnis für sich selbst ist oft der Beginn einer Veränderung, die deutlich nachhaltiger ist als der nächste Zeitmanagement-Ratgeber.
Ist ADHS, die Spätdiagnose bei Frauen, eine Modeerscheinung – provokant gefragt – oder wurden wir einfach nicht beachtet? Hat es etwas mit Gender-Ungerechtigkeit zu tun?
Ich glaube nicht, dass ADHS bei Frauen plötzlich häufiger geworden ist. Ich glaube, wir beginnen erst jetzt, genauer hinzuschauen.
Die Forschung zu ADHS basierte jahrzehntelang überwiegend auf Jungen. Entsprechend wurden die Diagnosekriterien an den Symptomen entwickelt, die bei Jungen besonders auffielen. Hier stand oft die Hyperaktivität im Vordergrund, die bei Jungen meist von außen deutlich sichtbar ist, während sie sich bei Mädchen oft eher nach innen richtet (d.h. innere Unruhe, ständiges Gedankenkarussell, aber auch ein starkes Mitteilungsbedürfnis können hier Anzeichen für Hyperaktivität sein). Mädchen zeigen ihre Schwierigkeiten oft anders. Sie träumen sich weg, passen sich an, leisten mehr, überspielen Unsicherheiten oder entwickeln starke Perfektionsstrategien.
Viele Frauen erhalten deshalb erst einmal andere Erklärungen oder Diagnosen: Burnout, Depressionen, Angststörungen, Ess-Störungen, chronische Erschöpfung oder einfach das Gefühl, mit dem Leben irgendwie nicht richtig zurechtzukommen.
Insofern hat die späte Diagnostik durchaus auch etwas mit Geschlechterrollen und einem historischen Forschungsdefizit zu tun. Lange Zeit wurde gefragt: „Wie zeigt sich ADHS bei Jungen?“ Die wichtigere Frage wäre gewesen: „Wie zeigt sich ADHS bei unterschiedlichen Menschen?“
Zum Glück verändert sich das gerade. Und ich glaube, dass viele Frauen davon profitieren werden, weil sie endlich Erklärungen finden für Dinge, die sie ihr Leben lang an sich selbst kritisiert haben.
Du möchtest nichts mehr verpassen? Abonniere den Newsletter hier. Er kommt nur einmal im Monat und du kannst ihn jederzeit wieder abbestellen. Exklusiv finden nur da Verlosungen statt!
Ähnliche Beiträge

Juli – Der Monat, der das Glück barfuß trägt
Es gibt Monate, die kommen leise. Und es gibt den Juli. Er klopft nicht an unsere Tür - er lacht uns entgegen. Mit warmen Sonnenstrahlen auf der Haut, dem Duft von frisch gemähtem Gras, summenden Bienen und langen Abenden, an denen die Zeit plötzlich ihre Eile...

bottleplus – Wasser-Sprudler: 5 Fragen an den Mitgründer
Eine Zeitlang war ich jetzt ohne Wassersprudler, da es einfach Plastikmonster sind und mein zweiter „Normaler“ ganz schnell kaputt gegangen ist. Aber Sprudel in Glasflaschen immer drei Stockwerke hochschleppen im Sommer ist auch nicht schön. Bei meinen Recherchen bin...

Anya Schmidt und Tegernsee Kitchen: Essen ist so viel mehr als Ernährung
Es gibt wenige Food Blogs, denen ich folge und die mich inspirieren. Schließlich habe ich auch ein Kochbuch geschrieben, hatte eine monatliche Kolumne mit vegan-vegetarischen Gerichten in einer Tageszeitung, und vieles wiederholt sich einfach ständig. Tegernsee...

Juni – Die Kunst, das Leben blühen zu lassen
Der Juni ist für mich einer der schönsten Monate des Jahres. Die Natur steht in ihrer vollen Kraft, überall blüht und wächst es, und selbst die Luft scheint ein wenig leichter zu sein als noch vor wenigen Wochen. Die langen Tage schenken uns mehr Licht, mehr Zeit im...

Vorbilder: Amelie Salzmann und FORTUNA – Secondhand statt Überkonsum
Als die gebürtige Regensburgerin Amelie Salzmann vor fünf Jahren mit ihrer Familie von München zurück in die Donaustadt zog, fiel ihr die Umstellung zunächst nicht leicht. Mehr als zwei Jahrzehnte hatte sie in der bayerischen Landeshauptstadt gelebt und gearbeitet,...

Mai – Wenn das Leben wieder leise in dir aufblüht
Der Mai ist ein Monat, der nicht laut anklopft, sondern sich ganz sanft in unser Leben hineinwebt. Er bringt keine Hast mit sich, keinen Druck, sondern eine stille, warme Einladung, wieder mehr bei sich selbst anzukommen. Nach den oft schweren, grauen Monaten fühlt es...




0 Kommentare