Anya Schmidt und Tegernsee Kitchen: Essen ist so viel mehr als Ernährung

Es gibt wenige Food Blogs, denen ich folge und die mich inspirieren. Schließlich habe ich auch ein Kochbuch geschrieben, hatte eine monatliche Kolumne mit vegan-vegetarischen Gerichten in einer Tageszeitung, und vieles wiederholt sich einfach ständig. Tegernsee Kitchen und Anya dahinter ist die große Ausnahme. Vielleicht ist es diese Mischung aus dem Leben an einem der schönsten Seen in Oberbayern und der authentischen Lässigkeit der Deutsch-Schottin? Auch, aber vor allem das Undogmatische ihrer Rezepte und wie sie diese präsentiert.
Pflanzliche Ernährung, ein bisschen Fisch, viel Farbe und Geschmack.
Jetzt hat Anya ihr erstes Kochbuch herausgegeben. (Mehr Infos dazu am Ende des Beitrags)
Zeit und Anlass genug, sie am Tegernsee zu besuchen. Es war ein heißer und trotzdem angenehmer interessanter Mittagstreff.



Fotos Anya (auch Titel): Carlie Consemulder/GU Verlag
Anya, dein neues Kochbuch ist gerade erschienen. Wie kam es überhaupt dazu?
Im Laufe der Jahre gab es immer wieder Anfragen von Verlagen, aber irgendwie hat es nie richtig gepasst. Bis schließlich der GU Verlag auf mich zukam und sagte: „Wir möchten ein Buch mit deiner Geschichte und deinen Themen machen.“ Da wusste ich sofort: Jetzt ist der richtige Zeitpunkt.
Dabei kochst du eigentlich erst seit rund zehn Jahren mit großer Leidenschaft. Wie sah dein Leben davor aus?
Ganz anders. Ich habe lange im Lebensmitteleinzelhandel und später in der Start-up-Welt gearbeitet. Zuletzt war ich in leitender Funktion bei einem FinTech-Unternehmen tätig. Mein Alltag war geprägt von langen Arbeitstagen, viel Verantwortung und wenig Zeit für mich selbst.
Entsprechend sah auch meine Ernährung aus: viel unterwegs essen, schnelle Lösungen, Pasta, Fertigsalate oder einfache Gerichte. Kochen spielte keine große Rolle in meinem Leben.

Als ich beruflich und körperlich an meine Grenzen kam, begann ich mich intensiver mit meiner eigenen Gesundheit zu beschäftigen. Damals wurde mir klar, dass ich selbst Einfluss darauf habe, wie es mir geht. Ernährung war einer dieser Hebel.
2017 habe ich mir deshalb eine Herausforderung gestellt: Ein Jahr lang jeden Tag kochen, jeden Tag ein Foto machen und dieses auf Instagram posten. So entstand Schritt für Schritt die Tegernsee Kitchen.
Hast du damals einfach Rezepte nachgekocht?
Am Anfang war es eine Mischung. Natürlich habe ich viel recherchiert und Rezepte ausprobiert. Aber je mehr man kocht, desto stärker entwickelt man ein Gefühl für Zutaten und Kombinationen.
Man sieht etwas auf dem Markt, entdeckt saisonales Gemüse oder hat Lust auf bestimmte Aromen und beginnt zu experimentieren. Oft merkt man dann, dass andere ähnliche Ideen auch schon hatten. Das gehört dazu. Kochen ist immer ein Austausch von Inspirationen.



Ich würde mich deshalb nicht unbedingt als klassische Rezeptentwicklerin bezeichnen. Für mich sind Menschen wie Yotam Ottolenghi echte Rezeptkreatoren. Ich sehe meine Stärke eher darin, Zutaten auf unkomplizierte Weise zusammenzubringen und Menschen zu zeigen, dass gutes Essen im Alltag machbar ist.
Welche Rolle spielte Essen in deiner Kindheit?
Meine Mutter hat sehr gut gekocht. Essen hatte bei uns einen hohen Stellenwert. Gleichzeitig war die Küche aber auch ihr Bereich. Als Kind war ich in der Küche nicht gefragt. Deshalb konnte ich als junge Erwachsene praktisch nicht kochen. Das ging vielen meiner Generation ähnlich. Man ist von zu Hause ausgezogen und musste sich vieles selbst beibringen.
Essen ist keine Prüfung. Es gibt kein klares Richtig oder Falsch. Kein festgeschriebenes Regelwerk. Mehr ein Korridor, in dem es Sinn macht, sich zu bewegen. Was zählt, ist das große Bild. Wie du schläfst. Wie du dich bewegst. Ob du dich bunt und vielfältig ernährst. Ob du mit Freude am Tisch sitzt – oder mit täglich schlechtem Gewissen. Mit dem ständigen Gedanken: “Anders wäre besser. Weniger wäre mehr. Wären es doch 2-3 Kilo weniger auf der Waage.”
Heute sehe ich das bei meinem eigenen Sohn ganz anders. Wenn er in die Küche möchte, darf er mitmachen. Auch wenn dabei nicht immer alles perfekt läuft. Kochen lernt man nur durch Ausprobieren.
Du sprichst oft davon, dass Essen mehr ist als reine Ernährung. Was meinst du damit?
Essen ist für mich unglaublich vielschichtig. Es ist Kultur, Erinnerung, Familie, Emotion und Kreativität zugleich.
Natürlich habe ich gemerkt, dass ich mich körperlich besser fühle, seit ich bewusster esse. Aber das ist nur ein Teil der Geschichte. Durch das Kochen habe ich auch eine kreative Seite an mir entdeckt, die mir vorher gar nicht bewusst war.



Rezeptbilder: Anya Schmidt
Früher hätte ich gesagt, man ist entweder kreativ oder eben nicht. Heute glaube ich, Kreativität entwickelt sich, wenn man sich auf etwas einlässt. Das Kochen hat mir dabei eine völlig neue Welt eröffnet.
Aktuell wird viel über gesunde Ernährung und Longevity gesprochen. Wie stehst du dazu?
Mit dem Begriff Longevity konnte ich anfangs wenig anfangen. Ich möchte nicht zwangsläufig hundert Jahre alt werden. Inzwischen verstehe ich darunter aber etwas anderes: möglichst lange gesund, beweglich und selbstständig zu bleiben.
Für mich bedeutet das, auch mit achtzig noch ohne Hilfe vom Stuhl aufstehen zu können oder aktiv am Leben teilzunehmen. Ernährung spielt dabei sicherlich eine wichtige Rolle – genauso wie Bewegung, Schlaf und viele andere Faktoren.
Natürlich gehört auch die genetische Veranlagung dazu. Aber ich glaube schon, dass unser Lebensstil einen erheblichen Einfluss darauf hat, wie wir altern.

Viele Menschen sagen, gesunde Ernährung sei zu teuer. Kann man sich gutes Essen auch mit kleinerem Budget leisten?
Ich sehe das heute differenzierter als früher. Als ich noch verheiratet war und wir beide gut verdient haben, dachte ich oft: Warum kaufen die Leute nicht einfach bessere Lebensmittel?
Seit meiner Trennung und als alleinerziehende Mutter habe ich selbst erlebt, dass man auf Preise plötzlich ganz anders schaut. Da merkt man, dass manche Entscheidungen nicht so einfach sind, wie sie von außen wirken.
Mein Motto: „Dein Essen. Deine Entscheidung.“
Natürlich kann sich nicht jeder jederzeit die hochwertigsten Produkte leisten. Bio-Lebensmittel oder gutes Fleisch kosten Geld. Gleichzeitig glaube ich, dass man auch mit begrenztem Budget viel für die eigene Ernährung tun kann – insbesondere mit Gemüse, Hülsenfrüchten und saisonalen Produkten.
Das Thema ist nicht schwarz-weiß. Ernährung hängt immer auch mit Bildung, Zeit, Gewohnheiten und der eigenen Lebensrealität zusammen.
In den letzten Jahren (…) habe ich mich immer wieder damit beschäftigt, wo unsere Lebensmittel ihren wahren Ursprung finden, wie sie angebaut oder gezüchtet werden, wer die Menschen dahinter sind, die die Lebensmittel nach traditionellen handwerklichen Maßgaben produzieren…



Dein Ansatz wirkt dabei nie belehrend oder dogmatisch.
Das war von Anfang an mein Ziel. Ich möchte niemandem vorschreiben, wie er essen soll. Menschen verändern ihr Verhalten nicht, weil sie belehrt werden, sondern weil sie Freude an etwas entwickeln.
Ich esse gerne Salate und Gemüse. Aber ich esse genauso gerne einen guten Chocolate-Chip-Cookie oder ein Stück Kuchen. Ernährung ist kein Sprint und auch keine Diät. Wir essen unser ganzes Leben lang. Deshalb braucht es einen Ansatz, der langfristig funktioniert und Spaß macht.
Welche Zutaten hast du eigentlich immer zu Hause?
Kichererbsen, Linsen und Bohnen gehören für mich zur Grundausstattung. Dazu saisonales Gemüse, etwas Obst und natürlich gutes Olivenöl.
Mit diesen Zutaten kann man fast immer spontan etwas Leckeres kochen.
Und dein absolutes Lieblingsessen?
Wahrscheinlich Pasta alla Norma. Überhaupt liebe ich die italienische Küche. Eine richtig gute Pasta oder eine gute Pizza machen mich einfach glücklich.
Was wünschst du dir für dein Kochbuch?
Ich wünsche mir, dass die Menschen Freude daran haben. Wenn jemand das Buch durchblättert, Lust bekommt zu kochen und am Ende zwei oder drei Gerichte findet, die dauerhaft in den eigenen Alltag einziehen, dann wäre das das schönste Kompliment.
Was möchtest du den Leserinnen und Lesern mit auf den Weg geben?
Mehr Mut in der Küche. Rezepte sind keine Gesetze. Sie sind Inspirationen. Wer versteht, wie Zutaten zusammenpassen, kann anfangen zu experimentieren und seinen eigenen Stil zu entwickeln.
Genau darum geht es für mich beim Kochen: neugierig bleiben, ausprobieren und genießen.
Tipp, Anya beschreibt hier in eigenen Worten so treffend und fast poetisch ihren Lebensweg…

Buchtipp: „Meine neue Landküche“ von Anya Schmidt
Mit „Meine neue Landküche“ präsentiert Foodbloggerin Anya Schmidt von Tegernsee Kitchen eine moderne, unkomplizierte Gemüseküche, die Genuss und Alltagstauglichkeit verbindet. Anya setzt auf frische, saisonale Zutaten, viel Gemüse, Hülsenfrüchte, Kräuter und kreative Geschmackskombinationen.
Die Rezepte reichen von schnellen Gerichten für den Alltag über Salate, Suppen und Ofengerichte bis hin zu süßen Köstlichkeiten. Dabei gelingt Anya Schmidt der Spagat zwischen gesundem Essen und echtem Genuss – ohne erhobenen Zeigefinger oder Verzichtsmentalität.
Besonders sympathisch sind die persönlichen Einblicke, die sie zwischen den Rezepten gibt. So wird das Buch nicht nur zu einer Rezeptsammlung, sondern auch zu einer Einladung, wieder häufiger selbst zu kochen und mit Zutaten zu experimentieren.
Für alle, die unkomplizierte, überwiegend vegetarische Gerichte mögen, saisonal kochen möchten und nach alltagstauglichen Rezepten suchen, die gesund sind und gleichzeitig richtig gut schmecken. Auch Kochanfänger finden hier viele Anregungen, da Anya Schmidt dazu ermutigt, Rezepte als Inspiration zu verstehen und in der eigenen Küche kreativ zu werden.
Fazit: Ein wunderschön gestaltetes Kochbuch mit viel Herz, das zeigt, dass moderne Landküche leicht, kreativ und voller Geschmack sein kann.
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