Sandra Gilles im Interview: Nachhaltige Mode, Upcycling & zeitloses Design

28. Juni 2026 | immer.schick

Sandra Gilles ist Modedesignerin, Künstlerin und seit mehr als drei Jahrzehnten mit Leidenschaft im Modehandwerk tätig. Entdeckt habe ich sie über Susanne Maria Öhlschläger. Die gebürtige Französin wurde 1972 in Annecy geboren und wuchs zwischen Frankreich, Griechenland und Österreich auf. Nach ihrer Ausbildung an der Modeschule Salzburg studierte Sandra Modedesign und Schnitttechnik an der ESMOD in Lyon und Paris. Heute verbindet sie handwerkliche Perfektion mit einer klaren Haltung zu Nachhaltigkeit und Qualität. Inspiriert von ihrer zweiten Heimat Korsika, von der Natur, dem Meer und der Lebensfreude des Südens, entstehen zeitlose Unikate und Kleinserien mit Charakter, Farbe und Seele.*

Fotos: Andrea Sojka (auch Titel!)

Seit wann beschäftigst du dich mit Mode?

Eigentlich schon mein ganzes Leben. Mit neun Jahren bekam ich meine erste Nähmaschine geschenkt – eine Bernina, die ich liebevoll „Clothilde“ nenne. Ich besitze sie noch heute. Inzwischen ist sie zwar im Ruhestand und wird nur noch für Knopflöcher eingesetzt, aber die macht sie nach wie vor wie keine andere.

Hast du Vorbilder?

Wenn ich einen Modedesigner nennen müsste, dann wäre es wohl Dries van Noten. Ich würde ihn allerdings nicht als Vorbild bezeichnen – mit dem Begriff tue ich mir etwas schwer. Er inspiriert mich seit vielen Jahren durch seinen außergewöhnlichen Umgang mit Stoffen, Farben und Materialien. Seine Kollektionen schaue ich mir immer wieder gerne an.

Weste gefertigt zu 100% aus verlassenen Herrenhemden, die sorgfältig ausgesucht, gewaschen, und neu zusammengesetzt wurden. Jedes Stück ein Unikat. Ich bin sehr glücklich damit. Tolle Verarbeitung, luftig, kann offen oder mit dem Gürtel getragen werden. Die Tasche Ginette ist einem typischen Sackerl nachempfunden und ebenfalls Zero Waste. Fotos: Dietmar Grün

Darüber hinaus inspirieren mich vor allem die vielen starken Frauen auf dieser Welt. Frauen, die für ihre Kinder, für Freiheit oder für Frieden kämpfen und gleichzeitig den Alltag meistern – oft ohne Unterstützung. Diese Stärke beeindruckt mich zutiefst.

Auch manche Männer inspirieren mich, allerdings auf eine andere Weise: wenn sie respektvoll und sanft mit Frauen umgehen, achtsam mit sich selbst und ihrer Umwelt sind und dennoch ihre eigene Männlichkeit leben. Gerade diese Unterschiede machen das Miteinander spannend und schön.

Warum Upcycling und Nachhaltigkeit?

Weil es für mich nie ein Trend war, sondern selbstverständlich. Meine erste Jeansjacke aus alten, kaputten Jeans habe ich bereits mit 13 Jahren genäht. Danach entstanden Kleider aus ausrangierter Bettwäsche meiner Großmutter und vielen anderen Materialien, die bereits ein erstes Leben hinter sich hatten.

Als ich mich 2003 selbstständig machte, arbeitete ich von Anfang an mit Vintage-Stoffen und gebrauchten Kleidungsstücken, die ich neu interpretierte – meist in Kombination mit neuen Materialien.

Ich liebe Gegensätze.

Nachhaltigkeit war für mich nie ein Marketingthema, sondern eine Haltung. Alles wurde von Menschen hergestellt – auch Massenware. Deshalb schätze ich vorhandene Ressourcen und gebe ihnen ein neues Leben. Gleichzeitig achte ich sehr genau auf die Qualität der Materialien. Naturfasern wie Baumwolle, Wolle oder Seide sind für mich die beste Grundlage. Reine Polyester- oder Polyamidstoffe sind selbst im Upcycling kaum sinnvoll verwertbar und kommen für mich nicht infrage.

Blick in Sandras Werkstatt in Wien

Welche Frau hast du im Kopf, wenn du designst?

Eine feinsinnige Frau, die authentisch und lebenslustig ist. Sie weiß, was sie will, bleibt sich selbst treu und erlaubt sich trotzdem, manchmal einfach zu träumen.

Was macht dich und deine Stücke besonders?

Mein Stil ist zeitlos. Ich entwerfe keine Fast Fashion, sondern langlebige Lieblingsstücke, die man über viele Jahre trägt und immer wieder neu kombinieren kann.

Meine Entwürfe wirken auf den ersten Blick oft zurückhaltend. Beim Tragen zeigen sich jedoch raffinierte Schnitte, besondere Details und überraschende Elemente. Genau diese kleinen Feinheiten machen für mich den Unterschied.

Fotos: Andrea Sojka

Ich liebe Farben und arbeite bevorzugt mit hochwertigen Naturmaterialien wie Baumwolle, Wolle und Seide. Häufig kombiniere ich neue Stoffe mit sorgfältig ausgewählten Vintage-Schätzen. Dadurch entsteht in jedem Stück eine besondere Lebendigkeit.

Qualität steht dabei immer an erster Stelle: hochwertige Materialien, perfekte Verarbeitung, echte Unikate und kleine Serien, die sich anfühlen, als wären sie nur für eine einzige Person gemacht.

Woher kommt dein Material?

Neue Stoffe stammen größtenteils aus Überproduktionen der Textilindustrie. Dazu kommen viele Vintage-Stoffe sowie gebrauchte Kleidungsstücke, die zerlegt und zu neuen Stoffflächen zusammengesetzt werden.

So entstehen Materialien mit Geschichte, die ich in einen neuen Kontext setze und weiterentwickle.

Ist Wien up to date in Sachen Nachhaltigkeit?

Ja, absolut. Gerade im Modebereich gibt es viele kleine Labels und Designerinnen, die sehr bewusst und nachhaltig arbeiten. Diese Entwicklung freut mich sehr.

Wo shoppst du? Hast du Geheimtipps?

Ehrlich gesagt gehe ich selten gezielt shoppen. Ich ziehe nicht los mit dem Vorsatz, etwas zu kaufen. Meist passiert es zufällig, wenn mir unterwegs ein besonderes Stück ins Auge fällt.

Auf Reisen entdecke ich oft Dinge, in die ich mich spontan verliebe. In Österreich finde ich immer wieder Schätze auf Flohmärkten, die ich anschließend verändere oder an meine Vorstellungen anpasse.

Mein Geheimtipp lautet deshalb: Augen offen halten. Die schönsten Fundstücke begegnen einem oft ganz unerwartet.

Außerdem kaufe ich gerne bei Kolleginnen und anderen Modedesignerinnen ein. Und in letzter Zeit immer öfter bei mir selbst. Früher dachte ich bei jedem schönen Stück: Das verkaufe ich lieber. Heute nehme ich mir auch einmal etwas aus meiner eigenen Kollektion. Inzwischen bin ich wohl meine beste Kundin geworden – und eigentlich sollte das auch so sein.

Was wünschst du dir für die Zukunft – für dich und für die Welt?

Ich wünsche mir, dass sich unser Bildungssystem verändert und Kinder sich freier entwickeln können. Sie bringen so viele Talente und Fähigkeiten mit, und ich glaube, wir sollten sie stärker in ihrer Individualität unterstützen, statt sie in starre Strukturen zu pressen.

Außerdem wünsche ich mir Frieden.

Für mich persönlich wünsche ich mir vor allem Gesundheit für meine Familie, meine Freunde und mich selbst – und dass ich meine Leidenschaft noch viele Jahre leben darf.

Für unsere Erde wünsche ich mir ebenfalls Frieden und mehr Achtsamkeit. Dass wir lernen, respektvoller mit ihr umzugehen und ihr die Zeit geben, sich zu erholen.

Und ganz allgemein wünsche ich mir, dass wir alle wieder etwas mehr Ruhe finden. Vieles ist heute unglaublich schnell geworden. Manchmal wäre weniger Tempo und mehr Bewusstsein genau das, was wir brauchen.

https://www.sandragilles.com

*Unterstützt durch Press Samples

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Ursula Gaisa

1968 in Schwandorf geboren. Studium Anglistik und Germanistik in Regensburg. Seit 1994 beim ConBrio Verlag. Journalistin, Buchautorin und Herausgeberin von immerschick.de - liebt Nachhaltigkeit, den Slow Lifestyle, Kunst und natürlich Musik. Chefin vom Dienst der neuen musikzeitung, Porträts für Politik & Kultur, die Zeitschrift des Deutschen Kulturrats. Gründungsmitglied der Bavarian Giants, HSP und neurodivergent...

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