Sonntags-Kolumne: Lob der Langeweile

Ok, ja, ich weiß, eine Woche zu spät, aber mir kann ja auch nach vielen Jahren Kolumne mal kein Thema einfallen oder? Einfach mal leer im Kopf sein. Ist sehr selten bei mir. Langeweile ist für hochsensible Scannerinnen eigentlich ein ganz unzumutbarer schrecklicher Zustand.
Wenn mich meine Arbeit bisher gelangweilt hat, hab ich mir immer neue zusätzliche Jobs verschafft. Mal war ich Kabarettistin, mal Sängerin, Verkäuferin in einer Schönen Handlung… Mir fällt immer schnell was ein. Ist das vielleicht eher AD(H)S? Ich sehe in der Kulturzeit etwas über einen Schmuckdesigner und denke mir, das wäre was! Ein kreativer Job, yeah. Kaufe und sammle schon fleißig Materialien. Die verstauben übrigens gerade. In irgendeiner Schublade. Broschen sind in, könnte ich aus Upcycling Materialien basteln… Die Anstecker hab ich schon. 😉



Streifen werden mir nie langweilig ;-). Fotos: Wiebke Weisbach
Projekte
Zwei halbfertige Strickprojekte liegen außerdem im Wohnzimmer herum. Einerseits hechle ich immer allem hinterher, würde auch gern unser drittes Buch fertigbekommen, andererseits – wenn dann etwas abgeschlossen ist: Leere, gähnende Leere. Die es zu füllen gilt. Mit neuen Ideen und Vorhaben, bloß keine Langeweile.
Was eigentlich totaler Quatsch ist, denn die besten Gedanken kommen mir zum Beispiel, wenn ich langweilig mit dem Rad zur Arbeit fahre oder in einem See schwimme. Oder einfach mal den Wellen im Meer oder den Wolken am Himmel zuschaue. Nur so. Ohne alles. Ohne Handy, ohne Nebenbeschäftigung.
Das Strickzeug hab ich mir übrigens angeschafft, damit ich nicht den ganzen Abend nebenbei beim Fernsehen auf dem Mobiltelefon rum daddle. Hilft. Außerdem gibt es wenig bezahlbare hübsche Cardigans aus Naturmaterialien. Auch ein Grund mit.



„Vom Lob der Langeweile“
Ich bilde mir ja ein, dass es mal ein Buch mit diesem Titel von einem Engländer gab. Ich finde es nicht mehr. Kann mir jemand helfen? Beim Googeln begegnen einem aber auch sehr interessante Theorien:
„Der Mensch ist ein Wesen, das sich langweilt und deshalb Stimulantien braucht. Der große Ökonom John Maynard Keynes hat die Langeweile als das gewichtigste Problem der modernen Gesellschaft bezeichnet. Kluge Köpfe wissen aber auch: Langeweile ist die Pforte, durch die man schreiten muss, um zu Selbsterkenntnis und Kreativität zu gelangen,“ stellt Norbert Bolz da 2017 im Deutschlandfunk fest. Und weiter: „Die Unruhe, die durch Langeweile entsteht, hält unsere moderne Gesellschaft lebendig. Eigentlich verdient die Langeweile ein Lob. In unseren Tagen ist sie das Inkognito der Muße.“*
Ja, wo sind die Zeiten hin? Als Kind saß ich selbstvergessen stundenlang in Omas Garten und spielte mit Stöckchen, Ameisen und Blättern. Genau!
„Wer hat heute noch Zeit? Wer kann sich noch erlauben, die „Windstille der Seele“ zu genießen, als die Friedrich Nietzsche die Langeweile beschrieb? Sie ist die eine Tochter der Muße ein Gast, der den Menschen des neuen Jahrtausends selten beehrt. Die andere Tochter der Muße ist vielen sogar gänzlich abhandengekommen. Sie trägt den Namen Spiel.“ – das schreibt Christoph Fasel 2010 in der Süddeutschen.**



Des Pudels Kern sozusagen. Wir haben die Muße verlernt. Was haben die besser Gestellten denn in ihren mindestens 6-wöchigen Sommerfrischen gemacht? 6 Wochen oder länger nichts tun? Unvorstellbar oder?
Und mir fällt es schon schwer, nur eine langweilige Vorabendserie zu schauen, ohne dabei parallel rum zu surfen oder auf Instagram, zu scrollen. Zeitfresser soziale Medien, klar. Könnte das nicht mal langsam alles die KI erledigen? Und wir hätten wieder ZEIT? Und Muße?
Was denkt ihr? Könnt ihr eigentlich einfach nur so vor euch hinstarren und auf einem Grashalm kauen?
Beim Schreiben ist mir der Name des Briten wieder eingefallen: Tom Hodgkinson heißt er und das Buch „Anleitung zum Müßiggang“, das bestell ich mir jetzt, dann hab ich was zu tun. Schönen Sonntag!
Eure Ursula
*Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/selbsterkenntnis-lob-der-langeweile-100.html
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