Vorbilder: Bridge&Tunnel – Upcycling in Hamburg

01. März 2026 | immer.schick

„Ausgezeichnet – und trotzdem nicht hingefahren“. Durch diesen Hilferuf bin ich auf Bridge&Tunnel aus Hamburg gestoßen. Es ging darum, dass das innovative Slow Fashion Label wieder mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet worden war und trotzdem immer um’s Überleben kämpfen muss. Ihren Bestseller, das Schmucketui, habe ich dann in der Geschenkerubrik vorgestellt. Grund genug, mir das näher anzuschauen, was ich dann Anfang Februar live und vor Ort in Hamburg gemacht habe.

Lotte und Conny, die Gründerinnen von Bridge&Tunnel, haben mich herzlich empfangen. Lotte kommt aus Hamburg und ist diplomierte Textildesignerin. Sie kennt Materialien und Schnitte – und hat früh verstanden, wie viel Potenzial in textilem Abfall steckt. Conny ist gebürtige Thüringerin, später in NRW aufgewachsen, Kulturwissenschaftlerin und hat sich intensiv mit gesellschaftlichen Strukturen und Kreativität beschäftigt.

Uns hat die gleiche Frage zusammengebracht: Wie kann Gestaltung gesellschaftlich wirken?

2016 haben die beiden Bridge&Tunnel in Hamburg gegründet – „um Design, soziale Verantwortung und unternehmerisches Denken zu verbinden. Wir wollten keinen Diskursraum, sondern eine echte Manufaktur. Einen Ort, an dem Frauen mit Flucht- oder Migrationsbiografie ihre handwerklichen Fähigkeiten einsetzen und sich weiterentwickeln können. Und an dem textile Überproduktion nicht hingenommen, sondern weitergedacht wird.“

Heute verbinden sie beides: ein eigenes Upcycling-Label und B2B-Projekte für Unternehmen, die textile Restbestände oder Retouren sinnvoll weiterdenken wollen.

Was uns antreibt, ist keine idealistische Idee von Nachhaltigkeit. Es ist die Überzeugung, dass Arbeit Würde schafft. Und dass Gestaltung Verantwortung trägt.

Seit wann gibt es Bridge & Tunnel und warum heißt ihr so?

Bridge&Tunnel gibt es seit 2016. Wir haben damals gegründet, weil wir nicht länger darüber sprechen wollten, wie es anders gehen könnte – sondern anfangen wollten. Der Name kam ziemlich früh. Erst war es einfach ein Hamburg-Bezug. Unsere Werkstatt liegt auf der Elbinsel Wilhelmsburg – also tatsächlich zwischen Brücken und Tunneln.

Mit der Zeit hat der Name noch eine weitere Bedeutung bekommen. „Bridge“ passt, weil hier Menschen zusammenkommen, die sich sonst vielleicht nie begegnet wären. Unterschiedliche Lebensgeschichten, unterschiedliche Erfahrungen – und dann sitzt man gemeinsam an der Nähmaschine. Und „Tunnel“ beschreibt für uns Übergänge. Neuanfänge fühlen sich nicht immer weit und offen an. Man geht Schritt für Schritt. Genau das erleben viele der Frauen bei uns – und wir als Gründerinnen auch immer wieder.

Der Name war also keine große Markenidee. Er ist eher aus unserem Ort und unserer Arbeit heraus entstanden. Und genau deshalb stimmt er bis heute.

Wie fing es an, wer hatte die Idee und wir ist Bridge & Tunnel entstanden?

Bridge&Tunnel begann nicht als großer Plan, sondern ganz praktisch – aus dem Alltag heraus. Bevor es Bridge&Tunnel gab, haben wir gemeinsam einen textilen Co-Working-Space namens Stoffdeck in Wilhelmsburg geleitet. Dort konnten Profis und Hobby-Designer:innen arbeiten und sich vernetzen.

Irgendwann hörten wir von einem deutsch-türkischen Nähclub, der sich in einer Moschee traf. Wir haben sie eingeladen, ihren Nähtreff bei uns im Stoffdeck zu machen – und standen dann ziemlich verblüfft daneben. Denn wir sahen: Viele dieser Frauen hatten außergewöhnlich gute handwerkliche Fähigkeiten, aber kaum Zugang zu regulärer Arbeit oder Ausbildung.

In diesem Moment wurde uns klar: Das gehört zusammen – gutes Design und echtes handwerkliches Können. Wir wollten die Menschen aus dem Stadtteil mit professionellem Design verbinden.

Und so ist unsere Manufaktur entstanden: kein theoretisches Konzept, sondern eine echte Verbindung zwischen den Dingen, die wir gesehen und erlebt haben. Der Wunsch, ein nachhaltiges Label zu schaffen und gleichzeitig Menschen, die sonst wenig Chancen bekommen, eine faire Arbeit zu geben, kam wie ein „Urknall“ zusammen.

Heute verbinden wir genau diese beiden Welten – Design und echte, handwerkliche Teilhabe.

Seid ihr seitdem gewachsen?

Gestartet sind wir zu siebt – wir zwei Gründerinnen und ein erstes Kernteam von fünf Frauen an der Nähmaschine. Heute sind wir 13 Frauen im Team. Dahinter steckt vor allem Stabilität. Mehr Kontinuität in der Produktion, mehr Verantwortung, mehr Verlässlichkeit – für unsere Kund:innen und füreinander.

Für uns ist das Entscheidende nicht die Größe, sondern dass Arbeitsplätze entstehen, die tragen. Dass aus einem ersten Projekt eine dauerhafte Struktur geworden ist.

Wer arbeitet für euch? Wie kann man sich bewerben?

Bei uns arbeiten vor allem Frauen mit Flucht- oder Migrationsbiografie, die handwerkliche Erfahrung im Nähen und Schneidern mitbringen – oft ohne formale Abschlüsse, aber mit viel Können und Professionalität. Einige haben in ihren Herkunftsländern als Schneiderinnen gearbeitet, andere haben sich ihr Wissen über Jahre selbst angeeignet. Entscheidend ist für uns die Qualität der Arbeit und die Bereitschaft, im Team zu arbeiten.

Im Produktionsbereich entstehen neue Stellen aktuell ausschließlich über eine Förderung nach §16i SGB II (Teilhabe am Arbeitsmarkt). Das bedeutet: Die Anstellung läuft über das zuständige Jobcenter. Wenn die Voraussetzungen erfüllt sind und die handwerklichen Fähigkeiten passen, lernen wir uns persönlich kennen und prüfen gemeinsam, ob es stimmig ist.

Gleichzeitig haben wir aktuell eine offene Stelle im Overhead-Bereich: eine Office-Assistenz für Bridge&Tunnel. Alle Infos zur Position, Aufgaben und Bewerbung finden sich auf unserer Website: https://bridgeandtunnel.de/bridgetunnel-office-assistenz/

Wir sind eine kleine Manufaktur mit klaren Strukturen. Wenn wir einstellen, dann mit dem Anspruch, langfristige Perspektiven zu schaffen – in der Produktion genauso wie im Organisationsteam.

Was genau stellt ihr her und wie sind die Entstehungsprozesse? 

Wir machen Slow Fashion aus pre-loved Textilien. Für unser eigenes Label entstehen bei uns aus pre-loved Denim vor allem Accessoires, eigene Fashion sowie Interior-Pieces. Stücke, die nicht für eine Saison gedacht sind, sondern für viele Jahre. Dinge, die man gern lange und liebevoll nutzt.

Jedes Produkt ist ein Unikat, weil jedes Material seine eigene Geschichte mitbringt. Wir arbeiten mit dem, was da ist – und entwickeln daraus etwas Neues mit Klarheit und Funktion.

Im B2B-Bereich arbeiten wir mit Unternehmen wie OTTO, Hellmann oder Veolia zusammen. Wir verarbeiten textile Überhänge, Samples oder Arbeitskleidung zu neuen Produkten – zum Beispiel zu Taschen, Sleeves oder Mitarbeiter-Goodies. Nicht als Gimmick, sondern als sichtbares Statement für einen anderen Umgang mit Ressourcen.

Wer kann sich an euch wenden?

Zum einen Menschen, die ihre eigene Jeans zu einem Unikat weiterentwickeln lassen möchten. Wir arbeiten gern und viel mit Denim und bieten feste Produkte auch aus eigenen Jeans an – zum Beispiel Taschen oder Kissen, die wir aus den eingesendeten Jeans fertigen. So bleibt die Lingslinghose erhalten, bekommt aber eine neue Funktion im Alltag.

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Im B2B-Bereich arbeiten wir mit Unternehmen, die textile Überhänge, Samples oder Arbeitskleidung nicht entsorgen, sondern sinnvoll zirkulieren lassen wollen. Gemeinsam entwickeln wir daraus neue Produkte – funktional, hochwertig und sichtbar als Teil einer verantwortungsvollen Materialstrategie.

Wer Ressourcen also weiterdenken möchte, ist bei uns richtig.

Aus den Jeans meiner Männer hat mir Svetlana eine Moonbag genäht

Was ist euer Bestseller? Gibt es direkte Verkaufsstellen in Hamburg oder anderswo?

Unser Schmucketui wird tatsächlich am häufigsten gekauft. Es ist superschön und so praktisch dazu. Ein super Alltagshelfer, auch toll zum Verschenken.

Sehr geliebt werden auch unser Blouson und die Weste. Beide sind klar geschnitten und lassen sich gut kombinieren. Beide sind echte Hingucke und Kund:innen berichten oft, dass sie viel darauf angesprochen werden, das freut uns so!

Eigene Stores haben wir nicht, sondern nutzen vorrangig unseren Online-Shop. Manchmal überraschen wir aber mit Pop Ups!

Das größte und das kleinste Teil?

Das größte Stück, das wir machen, ist unser Plaid. Dafür verarbeiten wir 21 Jeans. Jede wird aufgetrennt, sortiert, neu zusammengesetzt. Am Ende entsteht eine große Fläche aus vielen einzelnen Geschichten.

Das kleinste Teil ist wahrscheinlich das Scrunchie. Es entsteht aus den Resten, die nach dem Zuschnitt bleiben – klein, aber bewusst nicht nebensächlich.

Zwischen 21 Jeans und einem schmalen Stoffstreifen liegt im Grunde unsere ganze Arbeitsweise: Material ernst nehmen, egal in welcher Größe.

https://bridgeandtunnel.de

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Ursula Gaisa

1968 in Schwandorf geboren. Studium Anglistik und Germanistik. Seit 1994 beim ConBrio Verlag. Journalistin, Buchautorin und Herausgeberin von immerschick.de

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