Sonntags-Kolumne: Toxic Positivity

02. November 2025 | immer.dasleben

Es war nur ein kleiner Wortwechsel unter einem Post. Ich weiß, ehrlich gesagt gar nicht mehr, unter welchem. Um das Altern ging es mal wieder, und eine Freundin schrieb (nicht im genauen Wortlaut), sie feiere jede Falte und jedes graue Haar, das sei „gelebtes Leben“. Das war mir eine Spur zu positiv, und ich schrieb drunter: „Naja, feiern tu ich was anderes.“ 

Auch in ihrer Oktober-Glücks-Kolumne stößt Monika ins gleiche Horn: Glücklich sein sei eine Entscheidung. Das stimmt. Und ich freue mich für alle und jeden, die immer zufrieden und glücklich sind. Mir gelingt das einfach nicht. Ich trauere jedes Jahr dem Sommer hinterher, auch wenn der Herbst noch so schöne bunte Blätter trägt. Ich kann dann nicht mehr morgens mit meinem Kaffee auf dem Balkon sitzen. Es ist in der Früh und abends richtig lang dunkel und kalt. Bald muss ich mein Auto abkratzen, meine Finger frieren mir ab…

Fotos von Angela Bornschlegel

Altern ist eine Zumutung

Auch das Altern kann ich mir nicht immer richtig schönreden, und ich feiere Iris Berben, die das letztens in einem Interview so formuliert hat: „…alt werden, das ist unheimlich toll, kann ich euch sagen. Also, das ist ein schöner Zustand, und in Würde altern… Ich werde wahnsinnig, wenn ich diesen Satz höre. Es ist beschissen. Es tut weh, alles geht langsamer. Du musst Pausen machen. Du guckst dich an und denkst: Halleluja, dann heute bitte doch ne lange Hose und einen weiten Pullover… Loriot hat den besten Satz gesagt:

„Altern ist ne Zumutung“.“

Ja, genau so empfinde ich das auch manchmal, nicht immer. Versteht mich nicht falsch. Man kann viel machen, in Bewegung bleiben, auf die Ernährung achten et cetera, et cetera. Aber es ist alles oft so unfassbar anstrengend, nur den Jetzt-Zustand beizubehalten. Ganz zu schweigen vom Gewicht. Wie hat es letztens eine Frau beim Kaltbaden formuliert: „Früher hast du nach dem Urlaub einfach wieder normal gegessen, und die Zusatzpfunde schwanden von selber wieder.“ Hah, ja, ich erinnere mich. Das ist aber sehr lange her. Jetzt kleben die Dinger noch wochenlang am Körper, der steifer wird, Pflege braucht, ständige Zuwendung…

Dann kam mir letztens der Begriff „Toxic Positivity“ über den Weg gelaufen, und ich musste an den beruhigenden Satz denken: „It’s ok, NOT to be OK.“

So ist es doch: nicht jeder Tag ist schön, es passieren blöde Sachen, die ich nicht beeinflussen kann. Die Weltlage und die Klima-Katastrophe sind nicht schön. Auch der weltweite rechte Aufschwung nicht. Das macht mir Angst. Ich habe diese im Griff, aber ich kann meine Augen nicht immer vor der Welt, dem Draußen verschließen.

Unter Toxic Positivity versteht man übrigens, negativen Gefühlen keinen Raum zu lassen, sondern sie stattdessen wegzulächeln. Dieses zwanghafte Glücklichsein kann sogar krank machen, so steht auf der Website der AOK. Und weiter heißt es:

„Wie so oft macht auch hier die Dosis das Gift. Optimismus kann Menschen helfen und ist Teil der kognitiven Verhaltenstherapie. Psychotherapeuten leiten dabei zum Beispiel Patienten mit Depressionen dazu an, negative Gedanken durch positive Gedanken zu ersetzen. Wenn Sie sich auf das Positive konzentrieren, können Sie aus unangenehmen Erfahrungen lernen und sich weiterentwickeln.

Für psychisch gesunde Menschen sollte Positivität allerdings nicht das einzige Werkzeug sein, auf das sie im Leben zurückgreifen. Das Unterdrücken unangenehmer Gefühle kann laut Psychologen schädliche Folgen für die mentale Gesundheit und die Beziehung zu Mitmenschen haben. (…) Die Quintessenz ist dabei häufig: „Wenn du dich nur genügend anstrengst, kannst du immer glücklich sein.“ Dieser Druck trägt jedoch kaum zur Zufriedenheit bei, sondern schafft womöglich wieder neue Probleme.“*

Ja, genauso empfinde ich das auch. Gerade in den sozialen Medien wird einem tagtäglich vorgelebt, dass wir glücklich sein können, wenn wir nur wollen: #goodvibesonly. Aber ist das überhaupt wirklich erstrebenswert? Geht es einem nach einer Durststrecke und wenn man Hindernisse überwunden hat, nicht viel besser, als wenn wir in einem andauernden Zustand lächelnder Zufriedenheit durchs Leben segeln? Wahrscheinlich bin ich wirklich eine Borderlinerin. In meinem Seelenleben gab und gibt es immer wieder Höhen, aber auch Tiefen. Sie werden flacher die Ausschläge. Dafür habe ich auch gearbeitet, und das Alter macht meine Aufreger milder. 😉

Abgrenzung ist hier wahrscheinlich das Zauberwort. Ich bin ich – und du bist du. In diesem Sinne: Alles Glück der Welt für euch – auch im kalten, grauen November. Ich werde ihn genießen. Einen Versuch ist es wert. Und Weihnachtsgeschenke kaufen, das brauche ich.

Eure Ursula

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Quelle

https://www.aok.de/pk/magazin/wohlbefinden/achtsamkeit/toxic-positivity-der-zwang-zum-gluecklichsein

Ursula Gaisa

1968 in Schwandorf geboren. Studium Anglistik und Germanistik. Seit 1994 beim ConBrio Verlag. Journalistin, Buchautorin und Herausgeberin von immerschick.de

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4 Kommentare
  1. Das werde ich mal sacken lassen.
    Ich habe ja positives Denken quasi zum Beruf gemacht. Als Karrierecoach unterstütze ich Menschen dabei, Rückschläge in etwas Positives zu verwandeln.

    In extrem herausfordernden Situationen wird das positive Denken zu meiner persönlichen Superkraft, um die Lage zu meistern.
    Der Gedanke, dass man es auch überdosieren könne, ist mir bislang nicht gekommen.
    Danke für diesen Anstoß.

    Antworten
    • Liebe Steffi, danke fürs Lesen und deine Gedanken. Ich bin ganz persönlich der Meinung, dass das Leben nicht nur aus positiven Gefühlen bestehen kann. Alles braucht seinen Raum. Und oft erzählen negative Gefühle auch viel. Sie möchten beachtet werden. Aber natürlich ist es extrem wichtig, in Krisensituationen nicht den Mut zu verlieren und das Gute anzuziehen… Keine Frage. Alles Glück für dich! Ursula

      Antworten
  2. Liebe Ursula,
    ich habe da auch so meine Probleme mit dem Credo “sich auf das Älterwerden zu freuen”, besonders wenn es von den um die 40-jährigen propagiert wird (ich bin 64).
    Das Zitat von Iris Berben trifft es gut und auch die Kurzform von Loriot.
    Bin auch immer wieder dabei, mich ans Älterwerden und die Veränderungen zu gewöhnen, manchmal ganz versöhnlich und manchmal auch traurig, wütend.
    Danke für deine Gedanken.
    Herzliche Grüße, Brigitte

    Antworten
    • Liebe Brigitte, und ich danke dir für Deine! Wir können es ja nicht ändern und kennen die einzige Alternative. Aber ich finde, es tut gut, auch mal die andere Seite aufzuzeigen. Auch negative Gefühle gehören zum Leben. Traurigkeit und Rückzug. Ich grüße dich und wünsche dir eine wunderbare neue Woche mit vielen guten Gedanken und Begegnungen. Ursula

      Antworten

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