Sonntags-Kolumne: Altern ist nichts für…

07. September 2025 | immer.dasleben

Keine Angst, die Feiglinge haben hier nichts zu suchen. Ich würde mal sagen: Altern ist nichts für Menschen, die nicht alt werden. Alle anderen müssen da durch. Aber wie? „Altern ist heilbar“ las ich letztens in einer Arztpraxis auf einem Buchcover. Longevity ist in aller Munde. Das Titelfoto mit meinen sichtbaren Falten, nicht mehr Fältchen ist Absicht übrigens. Danke an die Fotografin Claudia Omonsky, mit der ich an einem schönen Augustabend unterwegs war.

Ayse ist weg

Warum mir das Thema Altern gerade auf der Seele brennt? Es ist gerade omnipräsent. Da ist zum einen unsere Hausmitbewohnerin, die zeitgleich mit uns eingezogen ist. Ihr Mann ist schon gut 10 Jahre tot. Während seiner letzten Wochen in der Wohnung hat er oft jämmerlich geschrien. Vor Schmerzen, nach einem Schlaganfall oder Herzinfarkt. Schrecklich.

Ayse hört sehr schlecht, ihr türkischer Fernsehsender ist weithin auf allen Stockwerken hörbar. Sie ist launisch und spricht sehr schlecht Deutsch. Auch nach all den Jahren. Ihr Putzwasser hat sie aus dem Fenster hinaus entsorgt. Ob jemand drunter stand, hat sie nicht gejuckt. Trotzdem oder gerade deswegen ist sie ein Unikat. Und wir mögen sie.

Aber es gab einen Vorfall, sie hatte Essen auf dem Herd und ging in die Stadt. Der Rauch hat uns schon beunruhigt. Dann war sie kurz weg, wurde von einem Krankenwagen abgeholt. Vor ihrer Wohnungstür lagen schwarze gefüllte Abfallsäcke. Aber es kommt eine Pflegerin, und heute habe ich den Fernseher gehört. Ich wünsche ihr alles alles Gute.

Drei andere Fälle

Drei weitere „Fälle“ nenne ich jetzt einmal wegen familiärer Privatsphäre Maria, Ingrid und Toni – frei erfundene Namen, Ähnlichkeiten mit lebenden Personen Zufall 😉

Maria lebt seit dem Tod ihres Mannes vor 20 Jahren allein in einem großen Haus, das sie wegen der Familienbesuche nicht aufgeben will. Die Pflege des Gartens macht viel Arbeit, das Putzen macht viel Arbeit und ihre beiden Kinder leben nicht mehr im selben Ort.

Sie hat aber einen großen Bekanntenkreis, macht Einladungen, geht mit 82 noch ins Fitnessstudio oder schwimmt im Sommer 1000 Meter im Freibad. Trotz fortgeschrittener Osteoporose ist sie fit und beweglich. Auch im Kopf. Sie vergisst aber oft das Essen, beziehungsweise isst zu wenig, vor allem Proteine, und hasst Ärzte und Nahrungsergänzungsmittel. Durst hat sie außerdem nie. In diesem Alter irgendwie auch blöd.

Ingrid ist vor 10 Jahren aus ihrem riesigen Haus aus- und in eine Wohnung ins Stadtzentrum gezogen. In den dritten Stock, ohne Aufzug. Da war sie 76. Jetzt ist sie 86, leidet unter einer leichten Altersdemenz, die wahrscheinlich auch dadurch kommt, dass sie eine ausgeprägte Abneigung gegen ihre Hörgeräte hat und bei Familientreffen schon lange nichts mehr versteht. Was insgesamt sehr schade ist. Seit ein paar Monaten geht sie nicht mehr spazieren oder zum Einkaufen, dadurch wird sie unsicher auf den Beinen, das Einkaufen übernehmen ihre Kinder und Enkel. Die habe jetzt eine weitere Pflegestufe beantragt. Im Gespräch mit dem Herrn von der Krankenkasse blüht sie auf und erzählt wahre Märchen darüber, was sie noch so alles kann und macht. Auch blöd.

Und dann ist da noch Toni, 88, sie lebt mit ihrer Tochter in einer WG, die sich liebevoll um sie kümmert. Sie hadert trotzdem sehr mit dem Alter, dass sie nicht mehr gut zu Fuß ist, sich ihr Radius verengt. Täglich diskutiert sie auf Facebook mit Menschen allen Alters und ist recht fit im Kopf. Um sich wohl zu fühlen, muss jeder Tag und jede Mahlzeit gleich, immer alles in ausreichenden Mengen vorhanden sein. Reißt man sie aus ihrer Routine, ist ihr das erst gar nicht recht, danach bedankt sie sich aber für den Ausflug.

Wie werden wir?

Learning: Longevity ist vielleicht doch nicht so schlecht. Ich will beweglich bleiben, Yoga werde ich auch noch mit 80 machen, mein Kollagen bleibt in meiner Routine, auch Vitamin D und Omega3. Reisen will ich weiter und in Kontakt mit meinen Freundinnen bleiben. Auf mich achten, gut essen, eingestehen, dass ich Brille und Hörhilfe brauche. Und ich will nicht lügen. Mich selbst nicht anlügen und andere auch nicht. Amen.

Es interessiert mich wahnsinnig, wir welchen alternden Damen in eurem Umkreis zu tun habt, was ihr so erlebt. Und wie ihr damit umgeht.

Eure Ursula

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Ursula Gaisa

1968 in Schwandorf geboren. Studium Anglistik und Germanistik. Seit 1994 beim ConBrio Verlag. Journalistin, Buchautorin und Herausgeberin von immerschick.de

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