Zuversicht: Katharina Afflerbach im Gespräch

Nachhaltig beeindruckt hat mich in letzter Zeit vor allem ein Buch, und zwar „Zuversicht“ von Katharina Afflerbach, erschienen im Goldegg Verlag. Nach elf Jahren Angestelltendasein, unter anderem in einer Flusskreuzfahrtrederei und bei Costa als Marketingleiterin und Pressesprecherin, wagte Katharina 2014 den Sprung in die Selbstständigkeit. Noch während ihres letzten verhassten Jobs bei einer Hotelkette absolvierte sie eine Coaching-Ausbildung, kündigte Wohnung und Arbeit und verbrachte erst einmal einen langen Sommer auf einer Alp in der Schweiz, darüber und ihre weiteren Sommerjobs in den Bergen hat sie ihr erstes Buch geschrieben. („Bergsommer“ findest du am Ende des Artikels*) Woher hat sie den Mut genommen, noch einmal ganz von vorn anzufangen?
„Heute kann ich sagen: Mein Wesenskern ist unerschütterlich. Meine Werte ankern fest in meinem Herzen und sind mein Kompass. So komme ich auch durch die raueste See…“
Im Interview erzählt sie mehr über sich:
Ich komme gebürtig aus einem Dorf im Siegerland. 1977, bin ich mit vier Geschwistern aufgewachsen, einer Schwester und drei Brüdern.


Bei uns im Haus wohnten neben uns Kindern und meinen Eltern auch noch Oma Mathilde und Katze Minki. Ich war in meiner Kindheit entweder draußen mit den Geschwistern und Nachbarskindern oder in der Turnhalle. Meine Mutter hat uns Kinder alle im Turnverein angemeldet und bei allen möglichen Sportgruppen angemeldet, weil es billig und praktisch war. Die Turnhalle war nur drei Häuser von zu Hause entfernt. So waren wir gut versorgt und haben unsere Freizeit, wenn wir nicht gerade zu Hause anpacken mussten, sinnvoll verbracht.
Liebe über Leistung
Dann hatte meine Mutter noch eine praktische Idee: Sie hat uns den Posaunenchor unserer Kirchengemeinde schmackhaft gemacht, denn so konnten wir kostenfrei Posaune, beziehungsweise Trompete lernen. Ich spielte Trompete, war aber leider nie gut darin. Die Samen, die meine Mutter gesät hatte, gingen auf: Ich war fest in Sportmannschaften eingebunden, habe Zusammenhalt und das gemeinsame Bewältigen von Auf- und Abstiegen gelernt. Und ich wurde selbst ehrenamtlich im Turnverein und in der Kirche tätig – als Übungsleiterin verschiedener Turngruppen und Helferin im Kindergottesdienst.
Nur dass ich mich, wie ich es heute erkennen kann, viel zu sehr vereinnahmen ließ und keine Grenzen setzte…
Die Muster, die dahinterstecken und sich später leider auch im Berufsleben fortsetzten, ja, sogar zigfach potenzierten, habe ich in meinem Buch „Zuversicht“ aufgedeckt. Heute sehe ich, dass ich schon als kleines Mädchen einfach funktionieren musste. So etwas wie Liebe erfuhr ich hauptsächlich über Leistung, so weh es tut, das zu benennen.
Dein Lebensweg war nicht gerade, sondern hat Mut zu Veränderung gebraucht. Woher hast du den genommen?
Irgendwann ist mir eine Frage begegnet, die mich seither nicht mehr losließ: Was ist das Schlimmste, das passieren kann? Als mich zum Beispiel mein cholerischer Geschäftsführer gezielt abgewertet und schikaniert hat, konnte ich mit Hilfe dieser Frage erkennen, dass es jenseits dieser erniedrigenden Erfahrung eine Zukunft gibt.

Auch wenn sich die Tage, in denen mein Chef wieder all seinen Hass über mir entlud und seine Unzufriedenheit mit sich selbst auf mich übertrug, wie das Ende der Welt anfühlten, sie waren es nicht. Denn das Schlimmste, was passieren konnte, war, dass ich mir einen anderen Job suchte. Meinetwegen auch in eine andere Stadt zog. Und das, so wurde mir klar, das war nicht schlimm!
Was ist das Schlimmste, das passieren kann?
Die Frage „Was ist das Schlimmste, das passieren kann?“ macht vermutete Auswirkungen konkret und klar. Mit ihrer Hilfe fällt eine gesichtslose Angst in sich zusammen, so wie das Monster unter dem Kinderbett, wenn Mama oder Papa mit der Taschenlampe bis in den letzten Winkel alles ausleuchtet.
Es hat leider gebraucht, bis ich das gelernt habe, doch eines Tages wurde mir klar, dass ich kein Opfer bin – auch wenn mich mein cholerischer Chef so behandelt oder ich vor lauter Überstunden und Dienstreisen schon seit Jahren kein Privatleben mehr hatte. Ich erkannte, dass ich es in der Hand habe, Dinge zu verändern! Nicht die andere Person, nicht die Firma, nicht die ganze Welt. Aber meine Haltung! Meine Einstellung! Meine Bewertung – und: mein Handeln! Damit bekam ich wieder Zugang zu meiner Selbstwirksamkeit, und die liegt vor allem in den kleinen Dingen.
Verliebt in Selbstwirksamkeit
Heute bin ich regelrecht verliebt in Selbstwirksamkeit. Wenn ich etwas in die Hand nehmen und verändern kann, fühle ich mich lebendig und kraftvoll. Ich hasse es, wilden Müll in der Natur zu sehen, doch statt mich einem Gefühl von Ohnmacht hinzugeben, melde ich ihn den Abfallwirtschaftsbetrieben. Mit dem Ergebnis, dass er 48 Stunden später verschwunden ist. So banal es klingt: Die Wohnung aufgeräumt zu verlassen, das Bett gemacht, ein gutes Essen vorgekocht, gibt mir das Gefühl, mein Leben im Griff zu haben.


Diese kleinen Dinge verändern die Welt, denn sie verändern meine Welt. Mit kleinen Schritten und Taten sorge ich für mich und die Welt um mich herum und bewahre mir so eine zugewandte Haltung.
Wie bist du auf die Idee mit der Alm/Alp gekommen?
Die Berge sind mein Kraftort. Hier fühle ich mich beschützt, behütet und geborgen und zugleich körperlich und seelisch stark. Zwischen meinem Angestelltendasein und meiner Selbstständigkeit habe ich eine Möglichkeit gesucht, so viel Zeit wie möglich am Stück in den Bergen zu verbringen – so wurde die Idee mit der Alp geboren. Ich komme zwar nicht aus der Landwirtschaft und musste alles von Grund auf lernen, doch das traute ich mir zu. Ich wusste intuitiv, dass ich diese vier Monate in der rauen Natur, mit der harten körperlichen Arbeit und dem einfachen Leben auf der Hütte brauche, um mich von meinen „Karrierejahren“ und all den Rollen, die ich bis zur Perfektion gespielt hatte, zu befreien. Wie eine Zwiebel: Schicht für Schicht.
„Zuversicht“ heißt dein neues Buch, das für viele gerade sehr wichtig ist. Wie bleibst du zuversichtlich angesichts dem Tod deines Bruders oder der schlimmen Weltlage?
Ich versuche, mich auf das zu konzentrieren, was ich beeinflussen und verändern kann in eine Richtung, die mir guttut. Im Yoga habe ich gelernt, dass es darum geht, in die innere Bewegung zu kommen, auf einen höheren Punkt zu, der vorher nicht erreichbar war. Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, dass ich mich immer in meinem Leben danach umschauen möchte: in einer bestimmten Situation, in einem Gespräch oder einer Beziehung einen Punkt anzusteuern, der vorher nicht erreichbar war. Wie beim Bergsteigen ist es doch so: Wenn die Schritte nur klein genug sind, kommt man irgendwann jeden Berg hinauf!



Was rätst du den Frauen und Männern, die mit schlimmen Schicksalsschlägen konfrontiert werden?
Allen Menschen, mit denen ich gesprochen habe und die sich ihrer Lebenskrise gestellt haben, verbindet, dass sie an einen Punkt gekommen sind, an dem sie sich eingestanden haben, dass sie Hilfe brauchen, einen Verbündeten, eine Gemeinschaft, die sie trägt. Es ist tröstlich zu sehen, dass das etwas Urmenschliches ist!
In der Verbindung mit anderen liegt Heilung.
Es ist kein Zeichen von Schwäche, wenn wir uns einander anvertrauen und offenbaren. Es ist schlicht und einfach menschlich. Mit Worten kann man kaum beschreiben, was geschieht, wenn ein Mensch sich einem anderen öffnet. Es scheint, als erhebe sich die Last des Erzählenden in diesen Minuten von seinen Schultern und als trage der andere sie derweil, nicht, weil er muss, sondern weil er es kann. Weil auch sein Herz so viel stärker ist, als er es dachte.
Bemerkenswert ist, dass jede und jeder selbst entscheiden muss, wann er den Blick wieder heben und ihre und seine Zukunft gestalten möchte. So hilfreich die Fürsprache von außen ist, um die Verbindung zum Zweifelnden, Kämpfenden oder Trauernden aufrecht zu erhalten: Zu entscheiden, jetzt bin ich so weit, jetzt möchte ich wieder vorwärtsgehen, kann nur vom Betreffenden selbst kommen. Ja, es ist sogar wesentlich für die Transformation, diesen Moment zu spüren und zu erleben. Erst wenn ich ganz unten am Boden des Beckens angekommen bin, kann ich mich abstoßen.

Warum hast du die Dinner for Life gegründet und für wen und was sind sie?
Mit den ehrenamtlichen Spendenabendessen habe ich nach dem Tod meines Bruders begonnen. Ich spürte, dass ich wieder mehr Menschen um mich brauche, auch neue Geschichten und neue Gesichter. So hatte ich die Idee, mein Wohnzimmer zu öffnen. Der private Rahmen tut nicht nur mir, sondern auch den Gästen gut. Ich habe das Gefühl, dass wir uns schneller öffnen und tiefere Gespräche führen, als wenn solche Abende zum Beispiel in einem Restaurant stattfinden würden.
Es gibt doch den Spruch: Helfen hilft – den kann ich nur unterstreichen. Indem ich anderen helfe, eine Plattform fürs Zusammenkommen und Austauschen biete und Spenden für wohltätige Zwecke eintreibe, helfe ich mir auch selbst. Das ist so einfach und so tröstlich und kann ich auf so vieles im Leben übertragen!
Mehr dazu unter
https://www.ideen-afflerbach.com/dinnerforlife
Was machst du neben der Schriftstellerei? Schreibst du auch einmal einen Roman?
In meinem Hauptberuf, meiner Selbstständigkeit (www.ideen-afflerbach.com), leite ich Workshops in Unternehmen oder Teams, die an einem Scheidepunkt stehen. Große Zukunftsfragen breche ich auf und herunter, so dass wir an konkreten Lösungen arbeiten können. Außerdem schreibe ich Texte zum Beispiel für Internetseiten von Unternehmen.
Mehr zu und über Katharina


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