Sonntags-Kolumne: Auf der Suche nach der Stille

03. August 2025 | immer.dasleben

Kenn ihr das? Ihr lest ein Buch, und das ist so schön und besonders, dass ihr es immer wieder aus der Hand legt, damit das Leseerlebnis länger dauert? So geht es mit gerade mit „Flusslinien“ von Katharina Hagena. Es spielt hauptsächlich an der Elbe, wo sich die 102-jährige Margrit im sogenannten Römischen Garten an ihre Mutter, den Krieg und vieles andere erinnert. Ihre Enkelin Luzie hatte in Australien, wo ihr Vater inzwischen mit seiner neuen Familie lebt, ein traumatisches Erlebnis, das keiner so wirklich ernst nimmt. Sie schmeißt die Schule und will Tattoo-Künstlerin werden. Üben darf sie an Oma. Und dann ist da noch Arthur, der als Fahrer für die Seniorenresidenz arbeitet und auch einen furchtbaren Verlust verarbeitet.

„Sie hat gehört, es gibt eine Sprache, die hat ein Wort für jene Stille, die eintritt, nachdem der Besuch gegangen ist. Arthur hat ihr davon erzählt, wer sonst. Er sitzt vorne und fährt sie, wie fast jeden Tag, das kurze Stück zum Römischen Garten. Vielleicht gibt es auch eine Sprache mit einem Wort für die Stille, nachdem man ausgeatmet hat. Oder für die Stille, nachdem eine Geschichte zu Ende ist. Oder bevor sie beginnt. Als Luzie eben ging, hat sie die Tür zu Margrits Zimmer lautlos zugezogen. Jedenfalls konnte Margrit kein Geräusch vernehmen. Wie es wohl sein wird, wenn sie gar nichts mehr hört?“

Das klingt jetzt vielleicht etwas banal, aber es geht um so viel mehr, und das ist sooo schön geschrieben. Margrit war Atemtherapeutin, wenn man das damals schon so nannte. Und Arthur erfindet Sprachen, außerdem sammelt er verschiedene Arten der Stille. Denn die Stille, nachdem ein schöner Besuch gegangen ist, ist anders als die Ruhe nach dem Sturm. Nur als Beispiel. Die Stille zwischen zwei Atemzügen. Immer anders, immer neu.

After Work am Wilden Kaiser: mit dem Ebike hoch zur Jezz Alm. Stille beim Durchschnaufen…

Die Stille am Fluss?

Ich bin oft vergeblich im Sommer auf der Suche nach der Stille. Letztens war ich schwimmen am Donaukanal. Wunderschön ist es da – mit einem zweiteiligen Kunstwerk von Wigg Bäumel, den ich ja letztes Jahr in Kallmünz besuchen durfte. Leider befindet sich gegenüber auf der Landseite eine Sportanlage, wo Wettkämpfe mit stampfender ultralauter Musik begleitet werden. Auf dem gegenüberliegenden Ufer ist eine viel befahrene Bundesstraße. Und dann war da noch der ältere Mann, der ununterbrochen auf eine Bekannte eingeredet hat.

Deshalb radle ich immer früher da hin. Aber wenn dann mal noch Ruhe ist, jault ein kleiner Hund, dessen Frauchen im Wasser ist. Irgendwas ist immer oder? Soll mal der Romantitel für mein Generationenwerk werden.

Naturgeräusche nerven mich übrigens selten: Vogelgezwitscher, der Wind in den Bäumen, das leise Klatschen der Wellen. Es gibt einen sehr bedrückenden Roman von Thomas Glavinic („Die Arbeit der Nacht“), in dem ein Mann in einer Welt ohne jedes andere Leben aufwacht. Kein Insekt, kein Vogel, kein anderer Mensch. Die totale Einsamkeit. Das hält frau sicher auch nicht lange aus.

Aber manchmal tut die Stille im Wald zum Beispiel einfach gut. Bald geht es ans Meer. Nur Wellenrauschen morgens. Ich freue mich. Und ganz zum Schluss noch ein Zitat aus dem neuen Buch von Julia Engelmann:

»Vielleicht braucht man manchmal gar nicht die richtigen Worte, sondern
bloß die richtige Stille.«

Julia Engelmann, Himmel ohne Ende

Eure Ursula

Mitten in München an der Isar in der Au war es (fast) still. Bis ein paar Betrunkenen rumgegrölt haben…

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Ursula Gaisa

1968 in Schwandorf geboren. Studium Anglistik und Germanistik. Seit 1994 beim ConBrio Verlag. Journalistin, Buchautorin und Herausgeberin von immerschick.de

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2 Kommentare
  1. Ja, Stille ist etwas ganz Besonderes und es gibt so viele verschiedene Arten von Stille. Das Buch ist bestimmt interessant, das was du geschrieben hast, hat mich neugierig gemacht. Aber ich lege ein Buch nicht weg, ist bei mir wie beim Fernsehen, wenn es mich hat, kann ich auch eine Nacht durchlesen.

    Antworten
    • Ja, solche Bücher kenne ich natürlich auch. Das sind die Spannenden. Aber dann gibt es die seltenen Exemplare, die mich so zum Nachdenken bringen, dass ich Pausen brauche. Auf die Stille zwischen den Zeilen. Liebe Grüße Ursula

      Antworten

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