Lesen: Buchtipps für den Sommer 2025

Eine meiner liebsten Urlaubsvorbereitungen ist die Zusammenstellung meiner Ferienlektüre. Ich hoffe, eure auch. Wie man Koffer ansonsten packt, verrate ich ja unter anderem hier. Doch Bücher sind fast noch wichtiger, und wenn ich mit Handgepäck reise, ist mein uralter Kindle immer noch Gold wert. Da finde ich auch Bücher wieder, die ich jederzeit ein zweites Mal lesen kann. Aber hier einige neue Schätze.*
Johann Scheerer: Play (Piper)
David lebt in Berlin, ist Musikmanager und betreibt ein Tonstudio. Und er ist erst Vater von drei Kindern, von deren Mutter er getrennt lebt. Später kommt noch ein Mädchen dazu, das er zusammen mit seiner neuen Lebensgefährtin hat. Am Anfang des Romans sind Wohn- und Arbeitsräume auch noch eins, also die Kinder können jederzeit ins Studio spazieren, was einige schwierige Situationen mit sich bringt, wie man sich denken kann. Denn genau da tritt der legendäre Ian White in Davids Leben. Noch schwer drogenabhängig, aber ein kreativer Weltstar, der von Familienleben so viel weiß wie eine Biene von der Schwierigkeit, einen Roman zu schreiben. (Komischer Vergleich, sorry)



Die Erziehungsarbeit teilt sich David tapfer und muss dabei täglich blöde Sprüche über sich ergehen lassen. Von anderen Müttern, aber vor allem von gleichaltrigen Männern, die immer noch um die Häuser ziehen oder Stammgast im Berghain sind.
Ein irrwitziges Buch, das ich in einem Rutsch durchgelesen habe, immer wieder musste ich laut lachen. Und David einfach bewundern, wie er das alles durchsteht, ohne komplett auszurasten. Denn Ian White ist eigentlich ein unerträglicher Narzisst, der keinerlei Rücksicht auf niemanden nimmt. Johann Scheerer, der übrigens der Sohn des Entführungsopfers Jan Philipp Reemtsma ist, schreibt so gut wie er Musik macht. Oder vielleicht sogar noch ein bisschen besser.

Christian Kracht: Air (Kiepenheuer & Witsch)
Dass ich bisher als Leseratte noch nichts von Christian Kracht („Faserland“) konsumiert habe, ist ein Wunder, oder? Der Schweizer Kosmopolit flog bisher unter meinem Radar. Die Geschichte, die eher eine Parabel ist, hat mich sofort eingefangen. Paul lebt allein in einer kleinen schottischen Stadt auf den Orkney Inseln und ist Dekorateur und Inneneinrichter. Für einen lukrativen Auftrag reist er nach Norwegen, wo er das perfekte Weiß finden soll.



Dann kippt die Erzählung in eine Art Science Fiction oder mittelalterlich anmutende Abenteuergeschichte um ein Mädchen, das allein im Wald lebt, und einen Mann aus der Zukunft, den sie unabsichtlich mit einem Pfeil schwer verletzt. Sie müssen fliehen und treffen dann irgendwie auf Paul. Nach ein paar Wochen habe ich den genauen Verlauf schon wieder vergessen. Es ist jedenfalls interessant, sagen wir so. Und sehr besonders…

Lena Dieterle: Bramberi (Eigenverlag)
Kommen wir zu etwas komplett anderem: weiblich, warm, kreativ, leicht. Die Bücher von Lena stelle ich euch ja immer wieder vor, und ich lesen sie mit großem Vergnügen. Das ist die perfekte Sommerlektüre um ein kleines Künstlerhaus mit großem Garten, für das Elva ihr ganzes bisheriges Leben aufgibt. Das Dach muss neu gemacht werden, eine Tür erneuert, und alles ist viel zu dicht und wild verwachsen.
Aber Elva wagt den Neuanfang und raus aus der städtischen Routine, in der sie nur auf’s Wochenende hin im Büro arbeitet. Ohne Freiräume und Kreativität.



„Für Elva gibt es zwei Arten von Künstlern: Die einen schaffen aus innerem Drang. Die anderen für Ruhm und Geld. Dazwischen? Spielt keine Rolle. Früher spürte Elva eine Leichtigkeit in ihrem Selbstausdruck. Doch mit jeder Prüfung wuchs die Erwartung, dass etwas Einzigartiges entstehen muss. Es ging so weit, dass ihr der Pinselstrich von Tag zu Tag schwerer von der Hand ging.“
Findet sie zurück in ein erfülltes Künstlerleben? Wird sie ihr bequemes Stadtleben vermissen? Sich einsam fühlen oder gar fürchten?
Lest selbst!

Katharina Afflerbach: Zuversicht (Goldegg)
Eigentlich eher ein Sachbuch mit Geschichten, die Mut machen und neue Perspektiven aufzeigen. Über Menschen, die nie aufgeben. Katharina Afflerbach hat schon mehrere Sommer auf einer Alm gearbeitet, ihren Bruder in jungen Jahren verloren, und sie schreibt wunderbare Bücher.
„Wahre Geschichten vom Weitermachen und Wachsen in schwierigen Zeit“ lautet der Untertitel. Die können wir gerade alle gut gebrauchen oder? Ich habe das Buch während meiner Fastenwoche regelrecht verschlungen. Und es hat mich sehr getröstet und zum Schluss wirklich zum Weinen gebracht.



Da ist Cora, betroffen von häuslicher Gewalt, eine Familie, die während der Flutkatastrophe im Ahrtal fast ihr Leben verloren hätte oder Bettina, die nach einem Arbeitsunfall monatelang um’s Überleben kämpft. Was macht sie so stark, dass sie trotz allem weitermachen und nie aufgeben?
„Ich kann andere Menschen nicht ändern, ich kann nur mich ändern.“
„Im geschützten Raum laut auszusprechen, was ich erlebt habe, nimmt etwas von der Schrecklichkeit weg und verbindet mich gleichzeitig mit anderen, denen es ähnlich geht.“
Am Ende jedes Kapitels werden die Kernaussagen der Betroffenen immer wunderschön zusammengefasst. Die könnte man sich allesamt unters Kopfkissen legen. Beeindruckend ist auch Katharinas eigene Geschichte – zu Freiheit und Unabhängigkeit:



„Es gibt so vielfältige Wege zu innerer Zufriedenheit, und sie brauchen nicht logisch zu sein! Ich kann mich unendlich lebendig fühlen, wenn ich auf einer Bühne stehe, und viel Ruhe und Raum für mich brauchen. Ich kann heute auf der Alp beim Bäumefällen helfen und morgen einen Kundenworkshop leiten. Ich kann das Leben lieben und schwere Tage haben, an denen ich im Bett bleibe. Ich kann meinen Bruder auch acht Jahre nach seinem Tod noch so stark vermissen, dass ich weine, sobald ich an ihn denke, und dankbar sein für das, was ich durch die Trauer gelernt habe.“
Unbedingt lesen!

Leon de Winter: Stadt der Hunde (Diogenes)
Ich bin ein großer Leon-de-Winter-Fan und habe eigentlich komplett alles, was er jemals geschrieben hat, gelesen. Und das war in den letzten Jahren leider mir zu wenig. „Stadt der Hunde“ hat mich ein bisschen entschädigt. Da sind sie wieder die typischen Themen: Judentum, Niederlande, menschliche Abgründe. Und Menschlichkeit. Was macht sie aus?



Es geht kurz umrissen um den renommierten Gehirnchirurgen Jaap Hollander, inzwischen im Ruhestand, geschieden. Jedes Jahr verbringt er ein paar Wochen an dem Ort, wo seine Tochter spurlos verschwunden ist: die Wüste Negev bei Tel Aviv. Dieses Mal kommt man von hochoffizieller Seite, das heißt direkt vom Ministerium auf ich zu. Er soll an der Tochter eines einflussreichen märchenhaft reichen Arabers, eine eigentlich unmögliche Gehirnoperation durchführen. Die Kranke könnte die in Zukunft als Erbin und Nachfolgerin über Krieg und Frieden in der Region Einfluss haben können. Jaap nimmt an, weil er mit dem Honorar eine groß angelegte neue Suche nach Lea und ihrem Partner finanzieren kann. Hoffnung, Liebe, Krieg und Frieden. Das alles integriert de Winter mit großer Leichtigkeit. Und da gibt es noch diesen Hund, der ihm praktisch in der Wüste zuläuft. Trotz schwerer Themen auch eine angenehme Urlaubslektüre.

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